Das versunkene Venedig
von Kim Stanley Robinson
Als Carlo Tafur sich aus dem Schlaf hochgerappelt hatte, plärrte das Baby bereits laut, der Teekessel pfiff und der Geruch von Ofenrauch erfüllte die Luft. Kleine Wellen schwappten ein Stockwerk tiefer gegen die Wände. Der Morgen dämmerte gerade. Widerwillig befreite er sich aus seinen Laken und stand auf. Er tapste durch das andere Zimmer seines Zuhauses, ohne seine Frau und sein Kind zu beachten, und ging zur Tür hinaus aufs Dach.
Bei Morgengrauen sieht Venedig immer am besten aus, dachte Carlo, während er in den Kanal pisste. Im blassvioletten Licht konnte man sich ausmalen, dass die Stadt noch immer so war wie seit jeher, dass schon bald an diesem schönen Sommermorgen Horden von Touristen den Grand Canal fluten würden … natürlich musste man über die behelfsmäßig zusammengezimmerten Hütten auf den Dächern in der Umgebung hinwegsehen, um sich dieser Phantasie hinzugeben. Um die Kirche herum – San Giacomo di Rialto – waren selbst die obersten Stockwerke aller Gebäude geflutet, weshalb man die Ziegeldächer hatte aufreißen und auf den Dachbalken Hütten hatte errichten müssen, die aus allerlei aus dem Wasser gefischten Material bestanden: Holz, Ziegel, Stein, Metall, Glas. Carlos Zuhause war eine dieser Hütten und bestand aus einem wilden Durcheinander von Holzbalken, Kirchenfensterglas von der San Giacometta und platt gehämmerten Abflussrohren. Er warf einen Blick darauf und seufzte. Am besten war es, den Blick über den Rialto in die Ferne schweifen zu lassen, wo die rote Sonne über den Kuppeln von San Marco loderte.
»Du musst dich heute mit diesen Japanern treffen«, sagte Carlos Frau Luisa von drinnen.
»Ich weiß.« Es kamen nach wie vor Besucher nach Venedig, so viel stand fest.
»Und beleidige sie nicht und rudere dann weg, bevor du bezahlt worden bist«, fuhr sie deutlich vernehmbar fort. »Wie bei diesen Ungarn. Es ist völlig egal, was sie sich von unter Wasser holen, weißt du. Das ist die Vergangenheit. Dort unten hat eh keiner was von dem alten Zeug.«
»Halt die Klappe«, sagt er müde. »Ich weiß.«
»Ich muss Ofenholz und Gemüse und Toilettenpapier und Socken für das Baby kaufen«, sagte sie. »Die Japaner sind deine besten Kunden; behandele sie lieber gut.«
Carlo trat zurück in den Schuppen und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Zwischen einem Stiefel und dem anderen hielt er inne, um eine Zigarette zu rauchen, die letzte, die sie da hatten. Während er rauchte, starrte er seine Bücherstapel auf dem Boden an, seine Bibliothek, wie Luisa sie sardonisch nannte; alles Bücher über Venedig. Sie waren zerfleddert, eselsohrig, angeschimm