: Fritz Heidorn, Kim Stanley Robinson, Annika Brieber
: Kim Stanley Robinson. Erzähler des Klimawandels
: Hirnkost
: 9783949452321
: 1
: CHF 17.10
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Durch Geschichten schaffen wir Bedeutung, also sind die Geschichten, die wir uns erzählen, wichtig.' Kim Stanley Robinson Mit 'Das Ministerium für die Zukunft' von Kim Stanley Robinson erschien 2021 ein Roman, der wie kein anderer Fiktion und Realität zusammenbringt. Schon viele Jahre beschäftigt sich der Autor mit dem Klimawandel, ist mit seinen Science-Fiction-Szenarien so nah am Puls der Zeit wie kaum ein realistischer Roman und gibt seinen Leserinnen und Lesern mögliche Zukünfte und kreative, aber auch wissenschaftlich fundierte Ideen an die Hand, um das Beste für unsere Zukunft daraus zu ziehen. Gemeinsam mit dem Klimahaus Bremerhaven und dem Autor Fritz Heidorn entstand die Idee zu einem abwechslungsreichen Porträt über den Erzähler des Klimawandels, das durch zehn exklusiv für dieses Buch ins Deutsche übertragene Kurzgeschichten ergänzt und durch einen Zustandsbericht über die Klimalage in Deutschland abgerundet wird.

Dr. Fritz Heidorn (*1952), hat sich beruflich vor allem der Umweltbildung und der nachhaltigen Entwicklung gewidmet. Seit 2007 schreibt Fritz Heidorn Essays, Literaturkritiken und Bücher zu Zukunftsthemen. Zuletzt erschienen seine Essaybände 'Kurz vor ewig. Kosmologie und Science-Fiction' (2016), 'Demnächst oder Nie - Reisen zu fremden Welten' (2018) und 'Arthur C. Clarke - Jenseits des Möglichen' (2019) im Verlag Dieter von Reeken. Zudem veröffentlichte er in DAS SCIENCE FICTION JAHR, in dem Magazin QUARBER MERKUR sowie auf den Webseiten zukunftskulturen.de, www.klimafakten.de und auf dem Blog des Klimahauses Bremerhaven: blogachtgradost.de Kim Stanley Robinson (*1952) studierte Literatur an der University of California in San Diego und promovierte über die Romane von Philip K. Dick. Seine ersten Science-Fiction-Kurzgeschicht n veröffentlichte er Mitte der Siebzigerjahre, 1984 folgte sein erster Roman. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1992 mit der MARS-Trilogie, die ihn weltberühmt machte und für die er mit dem Hugo, dem Nebula und dem Locus Award ausgezeichnet wurde. Ein zentrales Thema in seinem Werk ist der Klimawandel. Mit 'Das Ministerium für die Zukunft' erschien 2021 eine Utopie, die laut Barack Obama 'eines der wichtigsten Bücher des Jahres' darstellt. Kim Stanley Robinson lebt mit seiner Familie in Davis, Kalifornien.

Das versunkene Venedig


von Kim Stanley Robinson


Als Carlo Tafur sich aus dem Schlaf hochgerappelt hatte, plärrte das Baby bereits laut, der Teekessel pfiff und der Geruch von Ofenrauch erfüllte die Luft. Kleine Wellen schwappten ein Stockwerk tiefer gegen die Wände. Der Morgen dämmerte gerade. Widerwillig befreite er sich aus seinen Laken und stand auf. Er tapste durch das andere Zimmer seines Zuhauses, ohne seine Frau und sein Kind zu beachten, und ging zur Tür hinaus aufs Dach.

Bei Morgengrauen sieht Venedig immer am besten aus, dachte Carlo, während er in den Kanal pisste. Im blassvioletten Licht konnte man sich ausmalen, dass die Stadt noch immer so war wie seit jeher, dass schon bald an diesem schönen Sommermorgen Horden von Touristen den Grand Canal fluten würden … natürlich musste man über die behelfsmäßig zusammengezimmerten Hütten auf den Dächern in der Umgebung hinwegsehen, um sich dieser Phantasie hinzugeben. Um die Kirche herum – San Giacomo di Rialto – waren selbst die obersten Stockwerke aller Gebäude geflutet, weshalb man die Ziegeldächer hatte aufreißen und auf den Dachbalken Hütten hatte errichten müssen, die aus allerlei aus dem Wasser gefischten Material bestanden: Holz, Ziegel, Stein, Metall, Glas. Carlos Zuhause war eine dieser Hütten und bestand aus einem wilden Durcheinander von Holzbalken, Kirchenfensterglas von der San Giacometta und platt gehämmerten Abflussrohren. Er warf einen Blick darauf und seufzte. Am besten war es, den Blick über den Rialto in die Ferne schweifen zu lassen, wo die rote Sonne über den Kuppeln von San Marco loderte.

»Du musst dich heute mit diesen Japanern treffen«, sagte Carlos Frau Luisa von drinnen.

»Ich weiß.« Es kamen nach wie vor Besucher nach Venedig, so viel stand fest.

»Und beleidige sie nicht und rudere dann weg, bevor du bezahlt worden bist«, fuhr sie deutlich vernehmbar fort. »Wie bei diesen Ungarn. Es ist völlig egal, was sie sich von unter Wasser holen, weißt du. Das ist die Vergangenheit. Dort unten hat eh keiner was von dem alten Zeug.«

»Halt die Klappe«, sagt er müde. »Ich weiß.«

»Ich muss Ofenholz und Gemüse und Toilettenpapier und Socken für das Baby kaufen«, sagte sie. »Die Japaner sind deine besten Kunden; behandele sie lieber gut.«

Carlo trat zurück in den Schuppen und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Zwischen einem Stiefel und dem anderen hielt er inne, um eine Zigarette zu rauchen, die letzte, die sie da hatten. Während er rauchte, starrte er seine Bücherstapel auf dem Boden an, seine Bibliothek, wie Luisa sie sardonisch nannte; alles Bücher über Venedig. Sie waren zerfleddert, eselsohrig, angeschimm