2. Eckpfeiler systemischen Denkens und Handelns
Dieses Kapitel gibt einen Überblick über wichtige systemische Grundlagen – wobei sich die Theorie ständig weiterentwickelt. Die hier erwähnten Konzepte werden immer wieder diskutiert und angepasst. Neue Theorien kommen hinzu und werden integriert. Viele Konzepte wurden zuerst im Rahmen der systemischen Familientherapie erprobt und dann nach und nach auf den Coaching-Kontext übertragen.
2.1 System, Systemtheorie und systemisches Handeln
Als System bezeichnet man eine beliebige Gruppe von Elementen, die einerseits durch Beziehungen miteinander verbunden und andererseits nach bestimmten Kriterien von ihrer Umwelt abgrenzbar sind. Solche Systeme finden sich überall – bei Fröschen im Teich, bei Seminargruppen, in Zellen eines Organismus, bei Verschaltungen im Computer oder bei der Kommunikation innerhalb einer Familie, eines Teams oder einer Organisation (v. Schlippe& Schweitzer, 2016).
Der Ursprung des Wortes liegt im Griechischen: Der Wortstammsystein bedeutet „zusammenfügen, zusammenstellen“. Essenziell ist hier also das aktive Element: Systeme existieren nicht einfach so. Systeme entstehen erst durch Beobachter*innen, die Unterscheidungen treffen. Das heißt, man entscheidet, welche Elemente und welche Beziehungen auf Basis bestimmter Kriterien zum System gehören und welche nicht und daher die Umwelt des betreffenden Systems bilden. Auf manche Systeme und ihre Unterscheidungsmerkmale hat sich die Gesellschaft geeinigt (z.B. die Zugehörigkeit zu einem Staat), andere Unterscheidungen treffen Menschen täglich ganz subjektiv (z. B. wer Teil eines Freundeskreises oder wer Teil eines Konfliktgeschehens ist). Durch solche Unterscheidungen strukturiert der Mensch sein (aktuelles) (Problem-)Erleben. Manchmal ist schon das eine wichtige Intervention im Coaching: die Zuordnungen sichtbar zu machen und den Blick für die Veränderbarkeit von Systemen zu öffnen.
Als Systemtheorie bezeichnet man alle Versuche, adäquate Beschreibungen für die Fülle der gleichzeitig oder nacheinander ablaufenden Prozesse innerhalb von und zwischen Systemen zu entwickeln. Begriffe der Systemtheorie sind damit notwendigerweise abstrakt, weil sie auf ganz verschiedene Systeme passen sollen (v. Schlippe& Schweitzer, 2016).
Im systemischen Arbeiten, Handeln oder Denken werden Beschreibungen und Erklärungen verwendet, die sich aus der Systemtheorie ableiten lassen. Es unterscheidet sich dabei oft vom „westlichen Alltagsdenken“, zum Beispiel hinsichtlich der Themen Kausalität und Eigenschaften lebender Systeme. Was dies konkret bedeutet, beschreibe ich in den folgenden Abschnitten.
2.2 Unterschiedliche Arten von Systemen
Soziale Systeme als Kommunikationssysteme
Im Coaching hat man es hauptsächlich mit Anliegen bzw. Aufträgen zu tun, die sich in sozialen Systemen abspielen, also in Teams, Organisationen und in Familien, soweit die Vorgänge dort berufliche Themen beeinflussen.
Die Pioniere*Pionierinnen der systemischen Familientherapie haben früh begonnen, ihre Beobachtungen auf die Kommunikationsmuster im sozialen System ihrer jeweiligen Klient*innen zu fokussieren und weniger – wie damals tiefenpsychologisch1 üblich – auf die innere Psychodynamik einzelner Personen. Sie erkannten, wie aus paradoxen Kommunikationsmustern in sozialen Systemen Regeln und wechselseitige Erwartungen bzw. au