: Simone Vajda
: Piratenwind
: TWENTYSIX EPIC
: 9783740797522
: 1
: CHF 3.00
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 372
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In einer alten Truhe auf dem Dachboden findet Amy eine alte, kaum leserliche Seekarte mit einer Markierung. Könnte sie dort vielleicht ihre Mutter finden? Um das herauszufinden, heuert Amy als Junge verkleidet auf einem großen Schiff an, wo sie sich schnell einlebt und neue Freunde findet. Eines Tages wird einer dieser Freunde, John Black, von Piraten entführt. Amy will helfen und begibt sich dabei in große Gefahr. Doch das sollte erst der Beginn ihrer Abenteuer auf hoher See sein.

Simone Vajda wurde in Mutlangen geboren. Ihre Kindheit war geprägt von Büchern und Tagträumen. Dadurch entstand schon früh der Wunsch, selbst Geschichten zu schreiben, in die nun ihre Erfahrungen als Erzieherin einfließen. Sie ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und lebt mit Kakadu und Hund in der Nähe von Stuttgart.

Roter Löwe


10. März anno 1728

Neuer Schiffsjunge an Bord.

Im Morgengrauen Anker gelichtet.

48° 18’, Wind: NO 45°, 22 Knoten, Neumond.

John Blackk

- Plymouth -


Kapitän Paulsgrave Williams brauchte erst mal ein kräftiges Frühstück, bevor er sich erneut auf die Suche nach dem Mädchen machte; gestern hatte er sie nicht wie erhofft in der Schneiderei angetroffen. Als ihm der korpulente Wirt seinen gebratenen Speck mit Eiern brachte, massierte sich Will erschöpft die Schläfe.

»Das ist wohl nicht Ihr Tag, Sir?«, brummte der Wirt und stellte geräuschvoll den Teller und einen Krug auf den Tisch.

»Nein, ganz und gar nicht; ich suche ein Kind, ungefähr dreizehn Jahre alt, mit auffallend grünen Augen.«

»Hm, gestern Abend war so einer da, er bezahlte mit einer seltenen Silbermünze, ich habe sie noch hier in der Schürzentasche.« Er fischte nach der Münze.

»Er? Ich suche ein Mädchen.«

Mit seinen dicken Fingern hielt ihm der Wirt schon das Silberstück vors Gesicht.

Will hätte sich fast am Speck verschluckt. »Beim Klabautermann – das ist eine Piece of Eight.« Er nahm sie und drehte die Seite mit dem Kreuz und der Prägung nach oben. »1688, die könnte von der Whydah stammen.«

Die Münze hatte sogar eine tiefe Kerbe quer über der Vorderseite: So teilten sich die Piraten ihre Beute oder vergewisserten sich, dass das Geldstück echt war. Gedankenversunken fuhr er mit einem Finger über den unregelmäßigen Rand und sah vor seinem inneren Auge den Piraten Samuel Bellamy ein letztes Mal an der Reling stehen, bevor die Whydah in ihr Unglück segelte.

»Die gehört mir, ich habe sie rechtmäßig erhalten.« Der Wirt zog Will unsanft die Münze aus der Hand, auf der drei tiefe Kratzspuren zu sehen waren. »Außerdem war das ein Junge und Ihr sucht ein Mädchen.«

In dem Moment kamen Will die abgeschnittenen Zöpfe in den Sinn, die er in der Truhe auf dem Dachboden gefunden hatte. »Es könnte auch ein Junge sein. Wissen Sie, wo er jetzt ist?«

»Wenn der Junge Glück hat und nicht absäuft, wird er in eineinhalb Jahren hier im Hafen wieder einlaufen. Seit dem Morgengrauen befindet er sich auf demRoten Löwen.« Der Wirt machte eine kurze Pause, fuhr sich über sein lichtes Haar und sah Will prüfend an: »Richtung Indien.«

Will schlug mit der Faust auf den Tisch: »Verdammtes Balg. Na warte, wenn ich dich zwischen meine Finger bekomme.« Eilig stand er auf, sodass der Stuhl donnernd auf den Boden knallte, und warf ärgerlich ein paar Münzen auf den Tisch.

Der Wirt sah ihm kopfschüttelnd nach.

»Indien. Das Kind macht nichts als Ärger.« Will war aufgebracht. Wenn er nur ein paar Stunden eher hier gewesen wäre, hätte er die Göre jetzt. Doch die Behörde von Plymouth hatte ihn gestern festgehalten und stundenlang sein Schiff durchsucht. Bevor er zu der Schneiderei wollte, um das Mädchen zu suchen; seine bunt zusammengewürfelte Mannschaft war im Hafen aufgefallen.

Aufzufallen war in England eine gefährliche Sache. Ein Gesetz erlaubte es, Mitglieder der Unterschicht, die besser gekleidet waren, als es ein durchschnittliches Einkommen erlaubte, festzunehmen und vor Gericht zu stellen. Zum Glück hatte Will alle nötigen Papiere, um zu beweisen, dass er ein ehrbarer Mann mit sogar königlichem Blut war. Auch wenn es Will nicht behagte, seine schwarzen Freunde als Sklaven auszugeben.

Gestern hatte er schließlich noch das ganze Haus des Schneiders durchsucht, um einen Hinweis auf den Verbleib des Mädchens zu finden. Er entdeckte auf dem Dachboden auch die geöffnete Truhe mit der fauchenden Bestie, dem Kater, der die Kiste fast schon wie sein Eigentum verteidigte. Doch die Münzen und die Karte fehlten, hoffentlich waren sie nicht in falsche Hände geraten.

Er hatte Mary schon damals gesagt, die Sache müsse geheim bleiben, aber sentimentale Frauen folgen nicht der Vernunft, sondern ihrem Herzen. Jetzt hatte er den Ärger und musste das Kind finden, bevor es zu spät war. Das hatte er auch diesem Drachen Elizabeth versprochen, die ihm die Tür geöffnet hatte und so gar nicht damit einverstanden war, dass er das Haus durchsuchte.

Als er mit großen Schritten zum Hafen lief und seine Mannschaft in Sichtweite war, brüllte er: »Männer, macht klar Schiff, wir laufen heute noch vor Sonnenuntergang aus. Richtung Indien.«

Den in die Jahre gekommenenRoten Löwen würde er mit seiner schnittigenMarianne, die auf Schnelligkeit konstruiert war, sicher rasch einholen.

An die Reling gelehnt sah Amy zu, wie das Schiff mit der Morgenflut langsam aus dem Hafen gezogen wurde, begleitet vom Kreischen der aufgescheuchten Möwen. Graue Schleier lagen über der Stadt. Nur an der Mole herrschte so früh lebhaftes Treiben. Es war bitterkalt, sodass der Wind Tränen in Amys Augen trieb. Sie hauchte sich warmen Atem in die Hände, um die klammen Finger zu wärmen, und zog sich den Schal bis über die Nasenspitze hoch.

Im Hintergrund hörte sie die sonore Stimme des Kapitäns. Cornelius Reers gab lautstarke Kommandos, die die Mannschaft eiligst befolgte. Jeder wusste, was er zu tun hatte, und bald füllten sich die gesetzten Segel mit Wind, und das Schiff gewann an Fahrt.

Amy sah hinüber zur St.-Andrews-Kirche. Heute war dort Onkel Georges Bestattung. Alles Vertraute ließ sie hinter sich, sie befand sich auf einem Schiff und ihre Zukunft lag im Ungewissen. Vor ihrem inneren Augen sah sie eine junge, wunderschöne Frau, die ihre Arme ausbreitete und liebevoll ‚Amy‘ sagte. Würde sie wirklich ihre Mutter finden? Die Welt war so groß und sie war nur ein kleines Mädchen. Bei der Erkenntnis musste sie sich an dem kalten Holz der Reling festhalten, um wenigstens irgendwo Halt zu finden.

Eine Bewegung hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken. Es war der Kapitän.

»So ein Abschied ist immer schwer.« Kapitän Reers klopfte ihr tröstend auf die Schulter. »Aber es tut nicht lange weh. Wenn so viel Neues auf einen zukommt, dann vergisst man das Heimweh schnell.«

Amy sah zu dem drahtig-schlanken Kapitän auf, der in seiner maßgeschneiderten Kleidung sehr erhaben wirkte. Er lächelte ihr aufmunternd zu, sodass ihr ein wenig leichter ums Herz wurde.

»Komm, Robin, ich zeige dir alles.«

»Müsst Ihr nicht weiter Kommandos geben?«, fragte Amy erstaunt.

»Wenn der Wind beständig bleibt wie heute, muss an den Segeln wenig manövriert werden. Unser alterLöwe ist eine Galione. Eine Galione ist meist ein dreimastiges Schiff, das zu den schnellen und auch wenigen hochseetauglichen Kriegsschiffen zählt. Dieses Schiff stammt aus Holland und wurde 1597 gebaut.«

»So alt ist derLöwe schon? Das sieht man ihm gar nicht an.«

»Ein Schiff wird nur so alt, wenn ständig alles erneuert wird.« Er machte eine kurze Pause und tätschelte den Mast, als wäre es sein Lieblingspferd. »Mein Vater war der letzte Kapitän vor mir. 1693, nach seinem Tod, erbte ich im Alter von 23 Jahren sein Schiff. Seitdem sind wir unzertrennlich.«

Amy hörte ihm aufmerksam zu. »Sir, darf ich auch mal da hochklettern?« Sie zeigte auf den Ausguck des Großmastes, wo ein rothaariger junger Mann saß und durch ein Fernrohr schaute.

Kapitän Reers erwiderte mit einem rauen Lachen: »Das wirst du noch früh genug tun. Wir sind nur dreißig Mann; da müssen alle zusammenhalten.«

In diesem Augenblick schlingerte das Schiff, und der Kapitän konnte Amy gerade noch auffangen, sonst wäre sie gestürzt.

»Bevor du aber auf den Ausguck hinaufsteigst, musst du dich erst an das Schwanken des Schiffes gewöhnen. Durch den Winddruck und die Wellen gibt es immer wieder mal unerwartete Schiffsbewegungen.«

Amy kräuselte verlegen die Nase und murmelte: »Danke, Sir.«

Kapitän Reers stieg mit ihr auf das niederste Außendeck hinunter und erklärte weiter: »Das hier nennt man Kuhl oder Hauptdeck. Hier kann man sich aufhalten, wenn man keine Wache hat. Da ist auch unser Beiboot, außerdem vier von insgesamt zwanzig Kanonen.«

»Müsst Ihr damit oft schießen?«

»Nein, schon lange nicht mehr. Da unser Schiff alt ist und wir nur Tee geladen haben, liegt derLöwe nicht tief im Wasser. Wir sind deshalb keine lohnende Beute. Wenn wir feuern, dann meistens Salutschüsse. Sobald man einen fremden Hafen anläuft, zeigt man durch das Entladen der Geschütze, dass man in friedlicher Absicht kommt.«

»Kann ich auch mal eine Kanone abschießen?«

»Das können nur geübte Männer, weil es beim Abfeuern einen starken Rückstoß gibt.« Amüsiert zwirbelte er seinen Bart nach oben und führte...