: Rainer Gross
: Ein Teilchen im Ozean Roman
: Books on Demand
: 9783755768852
: 1
: CHF 6.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Harald ist sechzehn, damals Ende der Siebziger. Er führt ein Doppelleben. Tagsüber macht er mit seinem Moped Ausflüge, schaut sich Filme im Kino an, jobbt in einer Buchhandlung und gehört im Gymnasium zu den Klassenbesten. In den Nächten aber, wenn er Musik hört, an den melancholischen Abenden in der Hochhaussiedlung sehnt er sich danach, in den Ursprung der Welt zurückzukehren und sich in der Unendlichkeit des Kosmos aufzulösen. Aber da ist Frank aus der Klasse über ihm, mit dem er reden kann. Da ist Bruno, den er in einer Teestube kennen lernt. Und da gibt es noch die Mädchen, die allmählich in sein Blickfeld rücken. Haralds Weltbild beginnt sich zu verändern, und das Neue, das in sein Leben tritt, holt ihn aus seiner Einsamkeit heraus.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Yûomo (2014); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); Haut (2015); My sweet Lord (2016); In der fernen Stadt (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Der Teehändler (2019); Er sollte nicht ahnen (2019); Lebkuchenstadt (2020); Schatzkiste (2020); Ein Nachmittag am Bondi Beach (2020); Flieg zum Regenbogen (2020); Im Herz aller Dinge (2020); In La Coruna geht Picasso zu den jungen Stieren (2021); Neugeboren (2021); Skymning (2021); Winterherz (2021); Die Madonnen von Vernazza (2021); Der letzte Herbst (2021); Fürchte dich nicht (2022).

2


In Franks Dachzimmer hörte er Musik, die er nicht kannte. Er stieß sich den Kopf am First, sie tranken Tee, der Eine saß auf dem Bett, der Andere im Sessel. Sie redeten über die Entstehung des Kosmos und die Doppelnatur des Lichts, über Heisenberg und Einstein.

Frank wollte Physik studieren. Er war schon in der Reformierten Oberstufe und hatte Grund- und Leistungskurse.

Er war einmal sitzengeblieben und zwei Jahre älter als Harald. Er hatte schon den Führerschein und ein gebrauchtes Auto, einen alten R5. Mit dem fuhren sie manchmal in die Stadt und gingen ins Kino. In den Jugendfilmclub, das Jufi.

Dort sahen sie Filme, die ihre Vorstellung von der Welt prägten, die Welt um sie herum, in der sie ihren Platz suchen mussten.

In Franks Dachzimmer hörte Harald eines Tages die Musik einer Band namens Eloy. Psychedelischer Rock, wie er Harald gefiel. Dazu das Mythische der Vorzeit. Von Atlantis war die Rede, von der Inkarnation des Logos und ägyptischen Göttern.

Und an einer Stelle hieß es: Wir sind ein Teilchen im Ozean. Verloren und geborgen wie eine Träne. Salz zu Salz. Aufgelöst im Urgrund. Der Ozean war unsere Mutter , und wir werden wieder in ihn eingehen.

Aber wo ist Erbarmen mit unserer Angst?

Diese Frage traf Harald. Da konnte man von Göttern und Urzeitmythen reden, wie man wollte. Da konnte man davon träumen, nach dem Tod im Kosmos aufzugehen, sich aufzulösen.

Aber das Eine blieb: die Angst. Dafür brauchte der Mensch Erbarmen.

Er war nur ein winziges Teilchen im Ozean. Das wusste Harald. Aber als dieses Einzelne sehnte sich das Teilchen nach Erlösung.

Er wusste nicht, was für eine Erlösung. Oder wovon. Vielleicht von der Anonymität. Von der Zufälligkeit und Beliebigkeit. Jedes Individuum war ein einzigartiges, unwiederholbares Ich, und doch erloschen täglich Millionen von Existenzen.

Das war der Widerspruch, an dem er nagte. Das war das Geheimnis. Dass trotz der unendlichen Weite des Un