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Information ist Macht – Netz und verzerrte Signale – Informationsverschmutzung und Datenflut: Wenn im Begleitprogramm der digitalen Revolutionen Unternehmen, Institutionen u.a. zu Clearingstellen persönlicher Identitäten werden heißt dieses, dass Macht sich an zentralen Stellen konzentriert: Mächte also, die transparent, regelbar und kontrollierbar sein müssen. Das Internet ist u.a. mit dem Phänomen Google zu einem solchen Drehkreuz von Informationen geworden, dass viele Unternehmen ohne dieses Instrument überhaupt nicht existenzfähig wären.
„Wer in solcher Weise vom Internet abhängig ist, muss bizarre Verrenkungen anstellen, um den Google-Algorithmen zu gefallen.“
„Und um in den Ergebnislisten möglichst weit vorne wahrgenommen zu werden.“
„Entscheidend ist hierbei nicht etwa noch das hunderttausendste Suchergebnis.“
„Sondern?“
„Sondern einzig und allein jenes, das auf den vordersten eins bis zehn Plätzen der Ergebnisliste auftaucht.“
„Fatal nur, dass jene im Verborgenen wirkenden Algorithmen ihre Beschaffenheit mit schöner Regelmäßigkeit ändern.“
„Und es für die Weltgemeinde der Internetnutzer immer wieder auf ein Neues heißt: neues Spiel, neues Glück, Ihren Einsatz bitte.“
Alle Anstrengungen und Investitionen in eine versuchte Suchmaschinenoptimierung also vergebens: eine Gruppe anonymer kalifornischer Techniker, Mathematiker u.a. entscheidet also darüber, wer wie in der digitalen Welt sichtbar und damit vielleicht überhaupt erst existent ist.
Diametral entgegengesetzt zu diesem Streben nach Internet-Präsenz steht nunmehr deutlicher artikuliert das Streben danach, im Dunkeln des digitalen Vergessenwerdens zu verharren. Hier dreht sich alles um den Kern, von jenen geheimen Google-Algorithmen nicht erkannt oder besser überhaupt nicht erst erfasst zu werden: Ziel ist die Unsichtbarkeit im Netz. Diskussionen zwischen wirklichen oder manchmal auch nur selbsternannten Netz-Spezialisten machen eines deutlich: die Welt für Otto Normalverbraucher liegt realistischerweise irgendwo zwischen diesen beiden Extrempunkten „Insofern ist die Informationsqualität des Netzes an vielen Stellen auch eher beschränkt.“
„?“
„Es gibt eine gewaltige Flut der Informationsverschmutzung, die das Netz mit falschen Daten zumüllt.“
„Weil jeder doch darauf bedacht ist, aufrichtige Informationen und Meinungen zurückzuhalten.“
„Um von sich ein möglichst positives Scheinbild zu erzeugen?“
„Genau, und das auch noch Anerkennung bei fernen Algorithmen-Technikern findet.“
Statt Informationen zu dem „so sind wir“ gibt es mehr verzerrte Informationen zu dem „so wollen wir sein“: alles wird dem Bild untergeordnet, dass man online abgeben möchte.
„Wieviel von diesen Abi63-Schaukästen gibt's denn mittlerweile?“
„Drei Stück insgesamt.“
„Und wie viele sind insgesamt geplant?“
„Zur Zeit keine mehr.“
„?“
„Ich glaub' das reicht vorerst mal.“
„Und wie sieht's aus?“
„?“
„Na mit den Abi63-Besuchern.“
„Kann man nach so kurzer Zeit noch nicht sagen, es gibt ja auch noch andere, die mal zufällig auf den drei Webseiten vorbeischauen.“
„Und finden denn die Abi63-Leute überhaupt diese Schaukästen?“
„Einigen habe ich die verschiedenen Zugänge genau beschrieben, zumindest für zwei der drei Schaukästen.“
„Und der Dritte?“
„Wer interessiert ist, findet den auch so.“
„Ja wie denn?“
„Genau wie diese Schaukästen in den Fußgängerzonen auch.“
„?“
„Wenn man da in den Seitenstraßen schlendert, findet man den dritten Schaukasten auf der Hauptstraße quasi automatisch.“
„Wirklich, sind doch auch schon alles alte Männer.“
„Trotzdem, ein Hauch von Schwarmintelligenz sollte da schon noch sein.“
„Warum denn nicht jedem Einzelnen eine persönliche Einladung schicken?“
„Na also wirklich, nach so viel Hinweisen wäre das wohl etwas penetrant.“
„Stimmt, und hätte auch das Geschmäckle einer Prahlerei.“
„Sag' ich doch.“
„Und was ist mit den regelmäßigen E-Mails?“
„Damit möglichst viele miteinander kommunizieren?“
„Ja genau.“
„Werden auch langsam Schritt für Schritt eingestellt.“
„Warum das denn?“
„Das geht jetzt ja bereits seit fünf Monaten so.“
„Und?“
„Mit einigen klappt's, mit den meisten weniger oder nicht.“
„Ist doch nicht schlecht für einen solchen Seniorenverein.“
„Mag schon sein, aber nicht unbedingt mehr notwendig.“
„Echt?“
„Ja, weil es jetzt überflüssig ist.“
„Ach so.“
„Ja, ach so. Alle wissen doch durch diese Kommunikation in der Filterblase jetzt ganz genau, wo, wann und wie man mich erreichen kann, wenn man über diese Plattform kommunizieren will.“
„Stimmt auch wieder.“
„Und auf den immer wieder ausdrücklich erwähnten Webseiten gibt es ja nun auch unzählige Themenvorschläge, über die es sich bestimmt ganz gut weiter kommunizieren ließe.“
„Wenn man es so sieht.“
„Ja, ganz genau so sollte man es sehen.“
„Gibt's denn noch ein zweites Klassentreffen-Buch?“
„Speziell für die Abi63-Kameraden wird man sehen. Ansonsten zum allgemeinen Thema Klassentreffen wohl eine ganze Reihe.“
„Das sollte man doch aber allen mitteilen.“
„Ist schon lange geschehen.“
„?“
„Und zwar Punkt für Punkt und ausführlich Schritt für Schritt.“
„Echt?“
„Schon ganz am Anfang.“
„?“
„Mit schriftlichem Angebot zur Kommunikation in der Filterblase.“
„Na denn. Und der neue Roman?“
„Was soll denn damit sein?“
„Na, weiß man schon, wie er heißen soll?“
„Wahrscheinlich: Nachkriegsschüler Storytelling.“
„Und wie weiter?“
„Bildungsweg im Zeitenwandel.“
„Klingt nicht schlecht, bin schon gespannt.“
„Ich auch.“
„Schon in unserer Lebenswelt der Schüler war das Unbehagen an der Mathematik weit verbreitet.“
„Aber wir waren doch der mathematische Zweig.“
„Trotzdem, schon damals erstreckte sich die Abwendung der deutschen Romantiker von der Welt auch auf die Mathematik.“
„Vielleicht war es ja auch die Zinseszinsrechnung?“
„Kann sein, die ist trotz Mathe Kuhn für viele Zeit ihres Lebens ein Buch mit sieben Siegeln geblieben.“
„Könnte schon sein, denn die kontinuierliche Multiplikation mit dem gleichen kleinen Faktor, um die es dabei geht, ist tatsächlich eine Herausforderung.“
„Eben, weil dabei am Anfang so wenig passiert, am Ende aber riesige Summen stehen.“
Wer ist sich schon der fast explosiven Wirkung einer Exponentialfunktion bewusst. Solange sich das Leben der Menschheit um Saat und Ernte drehte, hat niemand die schönere Frau oder den stärkeren Mann abbekommen, weil er oder sie sich mit solchen Exponentialfunktionen auskannte. Offenbar brachte das in der Menschheitsgeschichte keinen evolutionären Vorteil. Menschen ticken so, dass kleine Zahlen für sie keine Hexerei sind (beispielsweise wenn sie um Kleckerbeträge feilschen oder kilometerweit fahren, weil dort ein Kasten Bier ein paar Cent weniger kostet). Das Problem sind die großen Zahlen. Diese einzuordnen fällt den meisten schwer (obwohl bei Staatsschulden schon nicht mehr die Milliarde, sondern die Billion zum Alltagsgebrauch zu gehören scheint). Niemandem bereitet es Schwierigkeiten sich vorzustellen, was er in einem Jahr verdient. Aber bereits bei dem Hundertfachen davon wird es schon schwierig mit der Vorstellungskraft. Wer kann schon halbwegs realitätsnah einschätzen, wenn die Chance auf einen Sechser im Lotto eins zu vierzehn Millionen ausmacht?
„Braucht man denn, um ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben führen zu können, wirklich die hohe Mathematik?“
„Die Antwort eines Praktikers: Nein.“
„Sondern?“
„Wir brauchen für den Alltag ungefähr das, was bis zum Ende der Mittelstufe in den Lehrplänen steht.“
„Das heißt?“
„Das meiste davon hat schon Adam Riese in seinem berühmten Rechenbuch erklärt, das 1522 erschienen ist.“
„Also was?“
„Die vier Grundrechenarten, dazu die Prozentrechnung, Zinsen und ein bisschen Wahrscheinlichkeitsrechnung, damit wir unsere...