Track 2: »Cindy, oh Cindy« (Margot Eskens)
19.05.2026
B666 G4731 springt auf die Bühne. »Hey«, ruft der kleine weiße Roboter, mit dem schwarzen ovalen Gesicht. »Hey, hey, hey! Ihr Lieben! Wollt ihr Stimmung?«
Seine Bühne ist ein Resopaltisch, der an der Wand neben der Eingangstür zum Gemütlichkeitsraum steht. Der Gemütlichkeitsraum wiederum nimmt sich so gemütlich aus wie der Kühlraum einer Großschlachterei.
Als das Heim erbaut wurde, hatte man diesen Raum zum Gemütlichkeitsraum bestimmt und ihn in einem seelenklirrend kalten Weiß streichen lassen. Ein besonders praktisch denkender Mensch schlug obendrein vor, ihn mit Resopalprodukten zu möblieren, weil die leicht zu reinigen waren. So viel Frohsinn wie nach diesem Vorschlag sollte nie wieder in diesem Raum herrschen. Nicht mal jetzt, da der Mai sein Licht monatstypisch sanft und warm hinein schickt.
Der praktische, bestimmende Mensch heißt übrigens Hilde, besser bekannt als »Mutter«.
»Ja«, kreischt Marianne jetzt. »Ja! Stimmung! Eine Stimmung! Ich werd narrisch!« Sie erhebt sich so schnell und würdevoll wie nur irgend möglich, ergreift ihre Gehhilfe und zuckelt in ihrer weinroten Samtgarderobe zum Tisch, von dem aus B666 G4731 Stimmung verbreiten soll.
Der Roboter schaut die anderen zehn Heimbewohner an, welche einzeln an Tischen verteilt den Fernseher anstarren. Ein Heimbewohner, Karl heißt er, verlässt gerade schnell den Gemütlichkeitsraum. B666 G4731 fühlt dieses Britzeln links oben in seinem Schädel.Nicht gut, nicht gut, denkt er. Er versucht, einfach nur die Playlist einzuschalten, ohne Störung durch ihn selbst, aber er fragt sich plötzlich, warum er »nicht gut« statt »nicht positiv« oder »negativ« denkt und ob die Menschen hier wirklich wollen, dass er singt.
Etwas schlägt gegen seine hintere Schädelwand.
»Na! Was ist denn schon wieder mit dir? Spiel endlich ab. Oder will hier jemand zum Speed-up?«, dröhnt Mutter in ihrem strengen, grünen Kleid. Sie beugt das strenge Gesicht, eingerahmt von streng frisiertem, schmutzig-blondem Haar zu ihm herab.
B666 G4731 recherchierte vor zwei Wochen, dass sich dieser Drang, technische Geräte zu schlagen, wohl im letzten Jahrhundert unter den Deutschen manifestiert hatte. Im Falle eines störrischen Vehikels oder einer untätigen Flack zum Beispiel. Da mochte das auch eine korrekte Anwendung gewesen sein. Aber schon bei Uhren oder Faxgeräten sah das ganz anders aus. Und erst recht bei Computern. Es ist kein Wunder, dass Deutschland im digitalen Zeitalter herumwandert wie ein Höhlenmensch, der den Fortschritt mit seiner Keule herbeiprügeln will und bei allen Reparatur- oder Bedienversuchen alles kaputt haut.
Es ist also folgerichtig, analysierte B666 G4731,dass die Deutschen immer noch am Kohleabbau hängen und ihn inzwischen wirklich nur noch als hoch subventionierte ABM betreiben, trotz der grünen Kanzler und obwohl dies ein ökonomischer und ökologischer Suizid ist. Doch gerade hinsichtlich Kumpel und Kohle sind ganz starke, romantische Gefühle im Spiel. Denn mit einem Hammer auf etwas eindreschen, etwas wegsprengen, etwas in hoch lodernden Flammen verbrennen, das lieben die Deutschen. Weil sie es seit Anbeginn der Zeit zu gut können.
Mutter rauscht wie eine dunkle Welle algenverseuchten Wassers auf die einzelnen Bewohner zu, während sie über ihre iControlWatch den Fernseher ausschaltet. Gesicht und Haar wogen als Bojen auf diesem Wasser. »Auf, auf, Kinder! Jetzt macht ihr Stimmung! Das tut euch gut! Auf, auf!«
»Stimmung! Ja, endlich«, schreit Marianne. Obwohl jeden Tag ein Roboter hier im