: Andrea Limmer
: Und die Reste ins Meer Ein Roadmovie aus der nahenden Zukunft
: Periplaneta
: 9783959962308
: Edition Periplaneta
: 1
: CHF 8.90
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: Erzählende Literatur
: German
: 262
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Deutschland 2026: Die Krisen der letzten Jahre, samt gesellschaftlicher Spätfolgen, beherrschen den Alltag. Roboter haben im Bereich der prekären Berufe viele Aufgaben u?bernommen. Wie im Starnberger Pflegeheim 'Zum ewigen Licht'. Dort treffen der Pflegeroboter B666 G4731 und Insasse Karl aufeinander. Beide gehören nicht in dieses Heim; der eine hat eine Fehlfunktion, weshalb er ein eigenes Bewusstsein entwickelt, der andere ist zu jung und gesund und nur wegen einer beruflichen wie persönlichen Krise dort. Eines Nachts zwingt B666 G4731 Karl dazu, mit ihm gemeinsam zu fliehen. Die beiden machen sich auf, zu einer Fahrt quer durch die Republik, von Bayern bis zur Ostsee. Karl, um seine große Liebe zu finden, B666 G4731 auf der Suche nach seinem Lebenssinn, verfolgt von der Heimleiterin Hilde samt ihrem devoten Lebensgefährten, dem Polizisten Peter. Ein belletristischer Roadtrip durch die anthropologischen Abgru?nde und gesellschaftlichen Glanzstunden. Und am Ende steht nichts weniger auf dem Spiel als die Rettung der Menschheit.

Andrea Limmer wurde 1985 in Moosburg a. d. Isar geboren. Nach ersten Erfahrungen im Bereich Radioredaktion, Kurzfilm, Poetry Slam& sozialer Arbeit in Tansania, absolvierte sie die Ausbildung zur Redakteurin (Akademie der Bayerischen Presse in München sowie in der Lokalredaktion des Straubinger Tagblatts). Ihr Buchdebüt erschien 2013, danach folgten Theaterstücke und ihre fünf Musik-Kabarettprogramme, mit denen sie seit 2015 Solo in ganz Deutschland und Österreich gastiert. Andrea Limmer lebt in Landshut.

Track 2: »Cindy, oh Cindy« (Margot Eskens)
19.05.2026


B666 G4731 springt auf die Bühne. »Hey«, ruft der kleine weiße Roboter, mit dem schwarzen ovalen Gesicht. »Hey, hey, hey! Ihr Lieben! Wollt ihr Stimmung?«

Seine Bühne ist ein Resopaltisch, der an der Wand neben der Eingangstür zum Gemütlichkeitsraum steht. Der Gemütlichkeitsraum wiederum nimmt sich so gemütlich aus wie der Kühlraum einer Großschlachterei.

Als das Heim erbaut wurde, hatte man diesen Raum zum Gemütlichkeitsraum bestimmt und ihn in einem seelenklirrend kalten Weiß streichen lassen. Ein besonders praktisch denkender Mensch schlug obendrein vor, ihn mit Resopalprodukten zu möblieren, weil die leicht zu reinigen waren. So viel Frohsinn wie nach diesem Vorschlag sollte nie wieder in diesem Raum herrschen. Nicht mal jetzt, da der Mai sein Licht monatstypisch sanft und warm hinein schickt.

Der praktische, bestimmende Mensch heißt übrigens Hilde, besser bekannt als »Mutter«.

»Ja«, kreischt Marianne jetzt. »Ja! Stimmung! Eine Stimmung! Ich werd narrisch!« Sie erhebt sich so schnell und würdevoll wie nur irgend möglich, ergreift ihre Gehhilfe und zuckelt in ihrer weinroten Samtgarderobe zum Tisch, von dem aus B666 G4731 Stimmung verbreiten soll.

Der Roboter schaut die anderen zehn Heimbewohner an, welche einzeln an Tischen verteilt den Fernseher anstarren. Ein Heimbewohner, Karl heißt er, verlässt gerade schnell den Gemütlichkeitsraum. B666 G4731 fühlt dieses Britzeln links oben in seinem Schädel.Nicht gut, nicht gut, denkt er. Er versucht, einfach nur die Playlist einzuschalten, ohne Störung durch ihn selbst, aber er fragt sich plötzlich, warum er »nicht gut« statt »nicht positiv« oder »negativ« denkt und ob die Menschen hier wirklich wollen, dass er singt.

Etwas schlägt gegen seine hintere Schädelwand.

»Na! Was ist denn schon wieder mit dir? Spiel endlich ab. Oder will hier jemand zum Speed-up?«, dröhnt Mutter in ihrem strengen, grünen Kleid. Sie beugt das strenge Gesicht, eingerahmt von streng frisiertem, schmutzig-blondem Haar zu ihm herab.

B666 G4731 recherchierte vor zwei Wochen, dass sich dieser Drang, technische Geräte zu schlagen, wohl im letzten Jahrhundert unter den Deutschen manifestiert hatte. Im Falle eines störrischen Vehikels oder einer untätigen Flack zum Beispiel. Da mochte das auch eine korrekte Anwendung gewesen sein. Aber schon bei Uhren oder Faxgeräten sah das ganz anders aus. Und erst recht bei Computern. Es ist kein Wunder, dass Deutschland im digitalen Zeitalter herumwandert wie ein Höhlenmensch, der den Fortschritt mit seiner Keule herbeiprügeln will und bei allen Reparatur- oder Bedienversuchen alles kaputt haut.

Es ist also folgerichtig, analysierte B666 G4731,dass die Deutschen immer noch am Kohleabbau hängen und ihn inzwischen wirklich nur noch als hoch subventionierte ABM betreiben, trotz der grünen Kanzler und obwohl dies ein ökonomischer und ökologischer Suizid ist. Doch gerade hinsichtlich Kumpel und Kohle sind ganz starke, romantische Gefühle im Spiel. Denn mit einem Hammer auf etwas eindreschen, etwas wegsprengen, etwas in hoch lodernden Flammen verbrennen, das lieben die Deutschen. Weil sie es seit Anbeginn der Zeit zu gut können.

Mutter rauscht wie eine dunkle Welle algenverseuchten Wassers auf die einzelnen Bewohner zu, während sie über ihre iControlWatch den Fernseher ausschaltet. Gesicht und Haar wogen als Bojen auf diesem Wasser. »Auf, auf, Kinder! Jetzt macht ihr Stimmung! Das tut euch gut! Auf, auf!«

»Stimmung! Ja, endlich«, schreit Marianne. Obwohl jeden Tag ein Roboter hier im