Verlassen wir jetzt vorübergehend das Dörflein Wölpern und kommen zum Lebenslauf meines Vaters. Sein Leben war charakteristisch für die damalige Zeit. Übrigens, in Ostdeutschland war er nicht bei uns. Nach langen acht Jahren hatte ich doch das Glück, ihn erstmals kennenzulernen.
Vater Michael Reinbold
Wie haben unsere ältere Generation, unsere Eltern, diese von Gewalt geprägten Zeiten in der Sowjetunion gemeistert? Zu Ehren meiner Mutter habe ich bereits ein Buch „Das Jahr 2013. Meine Mama wäre 100“ herausgegeben. Jetzt fülle ich mich verpflichtet, die Geschichte meines Vaters kurz zu präsentieren. Sein Name, Michael Reinbold, Jahrgang 1914, hatte ein für heutige Zeiten ungewöhnliches Leben. Nein, ein Held war er nie. Ungewöhnlich war seine Epoche, seine Schicksalsschwankungen. Er lebte in einer kontrastreichen Zeit: zuerst im Zarenreich, dann während der Oktober-Revolution und wilden bolschewistischen Umbrüchen unter Stalins Herrschaft. Er leistete Militärdienste in zwei Armeen – der sowjetischen und der deutschen, trug auch eine dritte Kriegsuniform – als amerikanischer Kriegsgefangener (POW für „Prisoner of war“). Er nahm am zweiten Weltkrieg teil, der ihn in amerikanische und anschließend acht Jahre in die sowjetische Gefangenschaft brachte, in unwürdigen, schlimmsten Gegenden im Nordosten der UdSSR, im Permafrost der Tundra, in der gefürchteten Kolyma-Region. Er lebte danach mit uns in der Familie in Sibirien, Moldawien und schließlich im wiedervereinigten Deutschland bis zu seinem Tod mit 82 Jahren.
In seinen letzten Jahren haben Krankheiten und die erlebten Strapazen aus ihm einen zerbrechlichen, willenlosen, wortkargigen alten Mann gemacht, der für viele jüngere Leute unattraktiv war, mit dem man nichts anfangen konnte, für den man oft nur Hohn übrig hatte. Traurig, wieso am Ende noch eine Strafe? O Gott! Ist das Leben oft ungerecht!
Er hat sich nie abgesondert, war ein einfacher arbeitstüchtiger Mensch. Er war auf keine Art auffällig, war bescheiden und ehrlich. Keinem hat er Schaden zugefügt. Solche Leute sind als „Arbeitspferde“ bekannt, sie stellen keine großen Ansprüche gegenüber den Anderen. Und eben sie sind die wichtigste Stütze eines jeden Staates, gerade sie sind das Rückgrat der Gesellschaft. Gib ihnen eine stabile Versorgung und Arbeit, so erledigen sie diese zuverlässig und ohne Wenn und Aber.
Sein Beruf: Bauer im deutschen Dorf Baden, einer von mehreren deutschen Kolonien bei Odessa am Schwarzen Meer. Als Ältester von sieben Geschwistern musste er so auch früh große Verantwortung für der Familie übernehmen.
Seine Eltern: Ignatz, 1890 und Regina, 1891 Jg., geborene Volz, hatten zehn Kinder, Letztlich blieben nur sechs, die anderen haben das Alter von einem Jahr nicht überlebt. Die Familie gehörte nach den damaligen Verhältnissen vor der Revolution zu den Wohlhabenden, doch nicht zu den Reichsten. Mit welchen Vorteilen? Sie schufen sich materielle Unabhängigkeit und wirtschaftliche Stabilität. Erkauft durch rastlose Bauerntätigkeit, alles war der Arbeit unterstellt. Stolze Bauern, vorbildlich im Dorf, hatten sie zum allgemeinen Wohlstand beigetragen. Und eben diese Eigenschaften brachten ihnen im kommunistisch - sowjetischen Russland entscheidende Nachteile. Sie wurden zu „Klassenfeinden“, automatisch als „Feind des Volkes“ abgestempelt, mit einem abwertenden Begriff