: Anton Reinbold
: ZURÜCK AUS DER HEIMAT IN DER FREMDE Publizistische Autobiographie
: Books on Demand
: 9783755745228
: 1
: CHF 9.70
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 478
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ich bin nicht unter einem glücklichen Stern geboren. Im Frühjahr 1945, der Zweite Weltkrieg war noch nicht zu Ende, hat mir meine Mama in Eilenburg bei Leipzig das Leben geschenkt. Gerade einmal fünf Monate danach wurde ich mit Mama, ihren zwei Schwestern und meinen zwei Brüdern sowie auch einigen Hunderttausend meiner Landsleute sechs Tausend km nach Osten, ins russische Ostsibirien, hingebracht, das heißt Deportiert. Die meisten ohne Russisch- und Ortskenntnisse. Es waren überwiegend Frauen ohne Männer, Kinder ohne Väter. Zur gleichen Zeit befand sich mein Vater fünf Tausend km noch weiter, nordöstlich von uns entfernt, als Kriegsgefangener in den Goldminen. Ich traf ihn zum ersten Mal als ich acht Jahre alt war. Zu meiner Zeit und noch viel früher, waren es Verbannungsorte für Verbrecher aller Art, auch Staatsgegner. Waren wir das auch? Wir alle sind Nachkommen der deutschen Volksgemeinschaft, die vor über 200 Jahren ihre Kolonien im Russischen Reich gegründet und zu Wohlstand gebracht hatten. Durch das Ungewitter des 20ten Jahrhunderts wurde alles zerstört. Wir wurden gejagt, verfolgt. Richtsichtlos hat die herrschende Macht Menschen in die ungewöhnlichen geographischen Gegenden mit extremen klimatischen Bedingungen, fremder Moral, in die Recht- und Perspektivlosigkeit umgesiedelt. Um uns aus persönlicher Erfahrung geht es in diesem Buch. Wir Jüngeren, ich selbst, wuchsen in das System hinein. Die Erziehung folgte nach den herrschenden kommunistischen Kriterien. Das komplexe und vielfärbige Leben bestand keineswegs nur aus Kummer und Sorgen. Ich versuche auch die Vielfältigkeit, unseren Alltag, Bedürfnisse, Prioritäten ohne Vorurteile vorzutragen. Es war unser Leben. Wir waren jung, dynamisch, genossen und nutzten das Gute, was wir hatten. Entwickelten uns auf eigene Weise. In der Zeit transformierte sich die Welt., schrittweise auch das Land. Der Staat hat einige Einschränkungen aufgehoben. Einzelne von uns wurden erfolgreich, dürften letztlich studieren, weiterbilden. erhielten bessere berufliche Chancen. Das aber nur zögerlich, halbherzig. Das Leben, das System hat uns nichts geschenkt. Nach vielen Jahren der Zwangssiedlung wurde der Lebensbereich uns heimlich, die dort lebenden Menschen ins Herz gewachsen. Wir fanden gute Freunde. Doch wirkliche Heimat war es nie. Unser Nationalgefühl litt alle Jahre weiter. Wir strebten nach voller Freiheit, gleich unter Gleichen zu sein. All das, was uns lange Jahre vorbehalten war. Im Alter von 44 Jahre

Dr. Anton Reinbold, am Ende des 2ten Weltkrieges in Eilenburg, Deutschland geboren. Wurde im selben Jahr mit Familie nach Sibirien - Irkutsk - deportiert. Sein Vater als Angehöriger der Wehrmacht verbrachte acht Jahre im Gewahrsam auf Kolyma. 1953 kam die Familie zusammen. Nach der Befreiung aus der Kommandantur wechselte die Familie ihren Wohnsitz nach Moldawien. Nach 30 Jahren gelang der Familie die Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. Reinbold ist promovierter Chemiker mit langer Erfahrung in der Forschung. Interessen: Sporttätigkeiten, Musik, Singen, Reisen, Geschichte, Familie, Gesellschaft, Landesentwicklung

Mein Vater und seine Zeit – typische Biographie


Verlassen wir jetzt vorübergehend das Dörflein Wölpern und kommen zum Lebenslauf meines Vaters. Sein Leben war charakteristisch für die damalige Zeit. Übrigens, in Ostdeutschland war er nicht bei uns. Nach langen acht Jahren hatte ich doch das Glück, ihn erstmals kennenzulernen.

Vater Michael Reinbold

Wie haben unsere ältere Generation, unsere Eltern, diese von Gewalt geprägten Zeiten in der Sowjetunion gemeistert? Zu Ehren meiner Mutter habe ich bereits ein Buch „Das Jahr 2013. Meine Mama wäre 100“ herausgegeben. Jetzt fülle ich mich verpflichtet, die Geschichte meines Vaters kurz zu präsentieren. Sein Name, Michael Reinbold, Jahrgang 1914, hatte ein für heutige Zeiten ungewöhnliches Leben. Nein, ein Held war er nie. Ungewöhnlich war seine Epoche, seine Schicksalsschwankungen. Er lebte in einer kontrastreichen Zeit: zuerst im Zarenreich, dann während der Oktober-Revolution und wilden bolschewistischen Umbrüchen unter Stalins Herrschaft. Er leistete Militärdienste in zwei Armeen – der sowjetischen und der deutschen, trug auch eine dritte Kriegsuniform – als amerikanischer Kriegsgefangener (POW für „Prisoner of war“). Er nahm am zweiten Weltkrieg teil, der ihn in amerikanische und anschließend acht Jahre in die sowjetische Gefangenschaft brachte, in unwürdigen, schlimmsten Gegenden im Nordosten der UdSSR, im Permafrost der Tundra, in der gefürchteten Kolyma-Region. Er lebte danach mit uns in der Familie in Sibirien, Moldawien und schließlich im wiedervereinigten Deutschland bis zu seinem Tod mit 82 Jahren.

In seinen letzten Jahren haben Krankheiten und die erlebten Strapazen aus ihm einen zerbrechlichen, willenlosen, wortkargigen alten Mann gemacht, der für viele jüngere Leute unattraktiv war, mit dem man nichts anfangen konnte, für den man oft nur Hohn übrig hatte. Traurig, wieso am Ende noch eine Strafe? O Gott! Ist das Leben oft ungerecht!

Er hat sich nie abgesondert, war ein einfacher arbeitstüchtiger Mensch. Er war auf keine Art auffällig, war bescheiden und ehrlich. Keinem hat er Schaden zugefügt. Solche Leute sind als „Arbeitspferde“ bekannt, sie stellen keine großen Ansprüche gegenüber den Anderen. Und eben sie sind die wichtigste Stütze eines jeden Staates, gerade sie sind das Rückgrat der Gesellschaft. Gib ihnen eine stabile Versorgung und Arbeit, so erledigen sie diese zuverlässig und ohne Wenn und Aber.

Sein Beruf: Bauer im deutschen Dorf Baden, einer von mehreren deutschen Kolonien bei Odessa am Schwarzen Meer. Als Ältester von sieben Geschwistern musste er so auch früh große Verantwortung für der Familie übernehmen.

Seine Eltern: Ignatz, 1890 und Regina, 1891 Jg., geborene Volz, hatten zehn Kinder, Letztlich blieben nur sechs, die anderen haben das Alter von einem Jahr nicht überlebt. Die Familie gehörte nach den damaligen Verhältnissen vor der Revolution zu den Wohlhabenden, doch nicht zu den Reichsten. Mit welchen Vorteilen? Sie schufen sich materielle Unabhängigkeit und wirtschaftliche Stabilität. Erkauft durch rastlose Bauerntätigkeit, alles war der Arbeit unterstellt. Stolze Bauern, vorbildlich im Dorf, hatten sie zum allgemeinen Wohlstand beigetragen. Und eben diese Eigenschaften brachten ihnen im kommunistisch - sowjetischen Russland entscheidende Nachteile. Sie wurden zu „Klassenfeinden“, automatisch als „Feind des Volkes“ abgestempelt, mit einem abwertenden Begriff