: Árpád Baron von Nahodyl Neményi
: Liebesgott Yngvi-Freyr Der germanische Gott des Glücks, der Sexualität und Fruchtbarkeit
: Books on Demand
: 9783755765417
: 1
: CHF 3.90
:
: Sonstiges
: German
: 128
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Obwohl der Gott Freyr in der Wikingerzeit der in Schweden meistverehrteste heidnische Gott war, kennen ihn heute nur die wenigsten Menschen. In welchem Maße er auch in Deutschland verehrt wurde, ist noch weniger bekannt. Dieses Buch will helfen, unsere Wissenslücken über den Gott Yngvi-Freyr bzw. Ing-Fro zu schließen und führt insbesondere die Quellen dazu im Wortlaut an. Wo wurde Freyr verehrt, wofür war und ist er zuständig, welche Bräuche haben sich bis in die Gegenwart erhalten und wie können wir ihn auch heute noch in unser religiöses Leben einbeziehen?

Baron v. Nahodyl Neményi hat u. a. Skandinavistik studiert und ist Allsherjargode (oberster Priester) der Altheiden, der traditionellen germanischen Heiden in Deutschland. Er befaßt sich seit 1983 intensiv mit der Gedankenwelt und Religion der Germanen und hat dazu seit 1988 bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Kapitel 2


Freys Wiedergeburt zum Julfest


Der Mythos des Ragnarkr, des „Weltgerichts der Götter“ über die Riesen ist in den Eddas enthalten. Nach diesen Schilderungen sterben einige Götter, doch gehört zum vollständigen Bild auch deren Wiederkehr dazu, denn der Mythos ist auch ein Tages- und Jahresmythos. Wenn die Sonne untergeht, dann „stirbt“ sie im Mythos; sie wird in ihrer Tochter, der neuen Sonne des neuen Tages wiedergeboren. Genauso sterben Wachstum und Fruchtbarkeit der Erde im Winter, um im Frühling zurückzukehren. Götter sterben nicht, Sie sind unsterblich, ansonsten wären es keine Götter. Im Ragnarkr-Mythos wird nun auch vom Tode Freys erzählt. In Gylfaginning Kap. 51 werden die Kämpfe der Götter gegen die Riesen erzählt, und es heißt da über Freyr und den Feuerriesen Surtur16:

»Von diesem Lärmen birst der Himmel: Da kommen Muspells Söhne hervorgeritten. Surtur reitet an ihrer Spitze, vor ihm und hinter ihm glühendes Feuer. Sein Schwert ist wunderscharf und glänzt heller als die Sol [Sonne] (…) Freyr streitet wider Surtur und sie kämpfen ein hartes Treffen bis Freyr erliegt, und das wird sein Tod, daß er sein gutes Schwert mißt, das er dem Skírnir gab.«

Damit wäre Freyr nun gestorben, wie eben die Sonnenwärme und Fruchtbarkeit im tiefsten Winter erstorben ist. Oder wie die wachstumsfeindliche Dürre (Surtur) das Wachstum zerstört. Aber Freyr wird wiederkehren.

Von den Goten ist uns durch einen glücklichen Zufall ein Weihnachtsspiel erhalten, das zu Ehren des wiederkehrenden Gottes am Hofe von Byzanz stattfand. Das Lied ist in lateinischer Sprache überliefert, beruht aber unzweifelhaft auf einem gotischen Text. Die Übersetzung aus dem 6. Jh. stammt wohl von Theoderich dem Großen und wurde für den byzantinischen Hof hergestellt.

Zu Neujahr pflegte am Hofe zu Byzanz ein großes Festmahl gefeiert zu werden. Zur Belustigung der kaiserlichen Familie wurden Spiele aufgeführt wie dieses gotische Weihnachtsspiel: Die Tänzer stehen in zwei Hälften geteilt, an den beiden Eingängen des großen Saales. Jede Gruppe hat ihre Flötenspieler bei sich und wird von einem Magister (Anführer) geleitet. Sie tragen Tierfelle, deren rauhe Seiten nach Außen gekehrt sind, ihre Gesichter sind durch Masken schreckhaft verhüllt. Ihre Schilde mit Stecken schlagend, ziehen sie durch den Saal mit dem Rufe „Tul! Tul!“, vereinigen sich dann zu zwei parallelen Kreisen, lösen und schließen drei Mal diese Aufstellung und singen endlich, während sie sich der Eingangstür zuwenden, diesen Hymnus, das sogenannte Γοτδιχόυ („Gotdichoy“)17:

»Freue dich der schönen Vereinigungen (zu gemeinsamer Festesfeier)!

Freuet euch der Tage der schönen Zeit im Wettstreit, heia!

Zu froher Stunde Trompetenschall erhebend!

Mit schöner Lust zuschauend!

Siehe, gerettet ist, Nana, der Gott, der Gott, heia!

Am festlichen Tage, Nana, juble in unendlichen Freudenrufen,

Jubel lässest du hören, Nana,

Jubel lässest du hören!

Du o Tul, schön vom ersten Tage an, sollst siegen, Tul und Nana!

Eber, Eber, kehre du nun

in vollzähliger Schar zurück!

So komme zu uns, vom Tode erstanden!«

Das Lied wird von je zwei in Felle gehüllte und maskierte Gestalten an der Spitze zweier Halbchöre gesungen. Das Lied mischt gotische und römische Bestandteile und ist sicher an das byzantinische Hofzeremoniell angepaßt worden. „Tul“ (= Jul) ist vielleicht für Γιούλ („Gioyl“) verlesen: *jiuls, gotisch jeu-lo bedeutet „neu, jung, neugeboren“. Ist das personifizierte Julfest gemeint oder eher eine Gottheit des Julfestes? „Nana“ ist altindisch nanā „Mutter“, aber welche Göttin ist gemeint? Der angelsächsische Chronist Beda nennt die Wintersonnwendnacht die „Modranight“ (Mütternacht) und bestätigt den Mutterkult des Julfestes, der ja bis heute im christlichen Gewande besteht.

Es gibt nun zwei mögliche Deutungen. „Tul“ oder „Jul“ ist der Gott des Julfestes; offenbar als wiederkehrender Gott aufgefaßt und damit als Sonnengottheit. Man könnte hier also auf Óðinn (Wodan) deuten, da Er auch „Jólnir“ („Gott des Julfestes“) genannt wird. Dann wäre in dem Lied Óðins Wiederkehr nach dem Weltuntergang besungen. Nana wäre dann die Muttergöttin, also Frigg (Fria), die sich natürlich über Óðins Wiederkehr freut. In der Edda wird diese Wiederkehr erwähnt wenn vom „Starken von Oben“ die Rede ist. Der Eber ist dann als Symbol Óðins zu deuten. Von Óðinn stammt auch die eberköpfige Schlachtaufstellung und Sein Beiname „Ráni“ („Schnauze“). Der Eber ist auch Sonnensymbol und Óðinn wird als Himmelsgott auch als Sonnengott angesehen.

Die andere Deutung finde ich noch überzeugender: „Tul“ ist eine Gottheit des Lichtes und der Sonne, und damit dem Freyr (Fro) entsprechend. Ob der Name zu „Jul“ zu stellen ist oder allgemein zu „Tiu“ (Gottheit), ist Interpretation. Nana wäre dann also die Mutter des Tul, also Freys Mutter. Zu Freyr paßt auch der Eber viel besser als zu Óðinn, denn die nordgermanischen Quellen kennen ja gerade den Eber Freys, Gullinborsti, und es war im ganzen Norden Brauch, auf den Juleber Gelübde abzulegen (siehe Kapitel 6). In unser Region hat sich noch das Essen von Schweinebraten zu Weihnachten und das Marzipanschwein als Glücksschwein erhalten; in Oxford wird zu Weihnachten ein Eberkopf feierlich hereingetragen. Deswegen gehe ich hier von Freys Wiederkehr aus.

Zuweilen heißt es bei Interpreten, daß zu Weihnachten Baldr geboren werde. Damit wird Baldr völlig mit dem Jesuskind gleichgesetzt. Es gibt aber nicht einen einzigen Hinweis in den Quellen auf einen Balderkult zu Weihnachten; im Brauchtum ist nichts erhalten. Auch in den Mythen der Edda wird Baldrs Geburt nirgends erwähnt; sie kann also nicht der religiöse Anlaß des so wichtigen Julfestes gewesen sein. Im Baldrmythos findet dessen Höhepunkt und Tod zu Mittsommer statt, und es wird Seine Wiederkehr erwähnt, aber nicht Baldrs Geburt.

Wenden wir uns also dem Gott Freyr zu. Er ist – der goldene Eber bestätigt es – Sonnen- und Fruchtbarkeitsgott, nach meiner Interpretation möglicherweise auch Feuergott. Wenn also „Tul“ den Gott Freyr bezeichnet, dann können wir dem Jultanzlied entnehmen, daß dieser Gott zu Weihnachten geboren wird: „Schön vom ersten Tage an“ sagt doch, daß Er gerade erst geboren wurde. Und dann wird der Eber erwähnt, der natürlich auch für den Ebergott Freyr steht: „Eber, kehre du nun ... zurück“ kann sich doch nur auf die Wiederkehr des Gottes Freyr und die Wiederkehr der Sonne zur Wintersonnenwende beziehen. Der Nachsatz kann sich auf den „Tul“ oder den „Eber“ beziehen: „So komme zu uns, vom Tode erstanden“. Der Satz kann auch als Wiederkehr aus dem Totenreich (also nicht als Geburt) verstanden werden.

Wie auch immer, Freyr wird geboren oder kehrt aus dem Totenreich zurück, samt Seinem Sonneneber. Nana müßte demnach die Mutter des Freyr sein.

Abb. 4: Freyrs Sonnen-Eber Gullinborsti.

Wer ist die Mutter des Gottes Freyr? In der schon auf Seite zitierten Jüngeren Edda, Gylfaginning 24, wurde ja gesagt, daß Njrðr in Nóatún seine Kinder zeugte. Aber in der auch schon zitierten Ynglinga saga 4 sieht es anders aus. Da heißt es, daß Freyr beim Friedensschluß als Geisel den Ásen gegeben wurde, also war Er schon in Vanaheim geboren. Nóatún gehört zum Land der Ásen; wie der Geburtsort Freys in Vanaheimr heißt, erfahren wir nicht. Laut Gylfaginning 23 liegt Nóatún „im Himmel“18:

»Der dritte Áse ist Njrðr genannt, er bewohnt im Himmel die Stätte, welche Nóatún heißt (...) Njrðr ist nicht vom Ásengeschlecht; er ward in Vanaheimr erzogen, und die Vanen gaben ihn den Göttern zum Geisel und nahmen dafür von den Ásen zum Geisel den Hoenir: So verglichen sich durch ihn die Götter mit den Vanen. Njrds Frau heißt Skaði und ist die Tochter des Riesen Þjassi.«

Hier wird Freyr nicht erwähnt, Njrðr lebt aber bei den Ásen in Nóatún. Die Quellen lassen es auch möglich sein, daß Freyr erst nach dem Friedensschluß in Nóatún geboren wurde, dann kann Njrðs Schwester nicht Freys Mutter sein. Aber diese Deutung halte ich für nicht überzeugend.

In der Gylfaginning wird Skaði als Njrðs Frau genannt (sie trennten sich später), doch wissen wir,...