: Michael Richter
: Der zufällige Mensch Wundersame Wege vom Urknall zum Ich
: Books on Demand
: 9783755706106
: 3
: CHF 9.70
:
: Philosophie
: German
: 506
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Welt erweckt den Eindruck, als wäre sie seit dem Urknall auf das Kommen intelligenter Wesen ausgerichtet. Alle physikalischen Gesetze, Naturkonstanten und Elemente haben feinabgestimmte Werte, ohne die es uns Menschen nicht geben würde. Jede noch so kleine Abweichung hätte zu einem anderen Universum geführt und die Entstehung von Leben verhindert. Die Tatsache, dass es uns denkende Menschen gibt, ist das unerklärliche Resultat von natürlichen Gesetzen, Zufällen und Chaos. Die Diskussion des aus den Feinabstimmungen resultierenden Anthropischen Prinzips bewegt sich zwischen Quantenphysik, Neo-Darwinismus und Intelligent Design. War Gott der Schöpfer der Welt? Lässt sich in der Zeit vom Urknall bis zum jeweiligen Ich eine durchgängige Rote Linie der Evolution erkennen? Welche Rolle spielt der Mensch im Universum? Ist er als Beobachter im Sinne der Quantenphysik unentbehrlich oder ist sein Erscheinen ein unwahrscheinlicher Zufall der Natur? Warum wissen wir bis heute nicht genau, wie die Welt, das Leben, die Vielzeller und die Menschen entstanden? Immer noch geht es um die alten Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Warum bin ich? Woher komme ich und wohin geht die Reise? Was hat die Tatsache, dass du genau in diesem Augenblick dieses Buch in Händen hältst, mit dem Beginn der Welt zu tun?

Michael Richter, geb. 1952. Historiker, Evangelischer Theologe und Aphoristiker (wortburg.de). 1990 Promotion zum Dr. phil. an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universitä Bonn im Hauptfach Osteuropäische Geschichte. Zuletzt erschien vom Autor 2021: Die Oberlausitz im Zweiten Weltkrieg, Studie zu den wendisch-deutschen Kreisen in Sachsen und Niederschlesien 1936-1946 (Schriften des Sorbischen Instituts 68), 2 Bände, 1 350 Seiten, Bautzen 2021.
1. Einleitende Fragen und Anmerkungen zum Anthropischen Prinzip sowie zu unserer Roten Linie der Evolution

Was hat es mit dem Anthropischen Prinzip auf sich?

Wir würden nicht wissen, dass es uns gibt, wenn es uns nicht gäbe. Das klingt tautologisch, birgt aber methodisches Potential. Es ist das Merkmal selbstbewussten Lebens, zu wissen, dass es da ist. Damit besteht ein Abgrenzungsmerkmal gegenüber Lebensformen die kein oder kaum ein Selbstbewusstsein haben. Da wir sind, ist auch klar, dass wir möglich waren. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass, wenn das Universum uns hervorgebracht hat, es auch Hinweise darauf geben muss, wie und warum wir ausgerechnet die wurden, die wir sind. Entsprechende Fragen werden heute von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen mit Blick auf das Anthropische Prinzip kontrovers diskutiert. Sie werden gestellt, weil die Welt nicht erst seit Kenntnis der Feinabstimmungen von physikalischen Gesetzen, Naturkonstanten und Elementen den Eindruck erweckt, sie sei wegen uns so wie sie ist. Ist der Eindruck berechtigt oder lediglich ein Produkt unserer Egomanie und eines anthropozentrischen Weltbildes?

Normalerweise werden in den Naturwissenschaften Anfangsbedingungen und Naturgesetze definiert, um daraus Entwicklungen abzuleiten. Beim Anthropischen Prinzip beginnt man hingegen beim jetzigen Endzustand, also bei der Tatsache, dass wir existieren, und versucht, „die Anfangssituation so einzugrenzen, dass aus ihr ein Universum hervorgegangen sein müsste, das menschliche Leben entwickelt“. (Dürr 1997, 109) Durch das Prinzip lassen sich exaktere Fragen stellen und klarere Antworten darüber erwarten, in welchem Verhältnis der Beginn der Welt zum momentanen Augenblick eines jeden Menschen steht. Wir wissen nicht, ob die Welt schon von Anfang an darauf angelegt war, Intelligenz hervorzubringen, oder ob sich dies erst später irgendwie ergab und wir das Ergebnis von Myriaden an Zufällen und chaotischen Prozessen sind. Mit Blick auf den Urknall ist zu fragen, was seit damals, vor etwa 13,8 Milliarden Erdenjahren, alles geschehen und unterbleiben musste, damit wir hier und heute darüber sprechen können.

Gehen wir direkt in medias res und schauen uns Fragen an, die Anlass zum Schreiben dieses Buch waren. Die wichtigste hier behandelte Frage ist die, wie sich der mit dem Anthropischen Prinzip postulierte, scheinbar menschenfreundliche Impuls, über mehrere Milliarden Jahre hinweg bis zu unserer Existenz aufbauen oder fortsetzen konnte, obwohl es uns während des mit Abstand größten Zeitraums gar nicht gab. Lässt sich erkennen, was das Anthropische Prinzip in der uns real erscheinenden Wirklichkeit konkret bedeutet? Welche Einflüsse hatte es au