Kapitel 1: Auf der Suche
Clarantena, Hauptstadt des Königreichs Clarante
Der Himmel war so klar wie schon lange nicht mehr. Brendan lächelte zufrieden und beschleunigte seine Schritte.
»Mein Prinz, so wartet doch! Das Fest ist noch im Gange!« Henry stürzte hinter dem Thronfolger her. »Euer Vater verlangt Eure Anwesenheit!«
Ohne auf seinen Diener zu achten, betrat Brendan die Stallungen. Sofort sprang einer der Stallburschen, ein hagerer Junge mit schulterlangem braunem Haar, alarmiert von einem Strohballen auf und kam auf ihn zu.
»Guten Abend, Eure Hoheit.« Er deutete eine Verbeugung an. »Soll ich Arias für Euch vorbereiten?«
Kopfschüttelnd zog Brendan einen Apfel aus der Tasche und warf ihn im Gehen dem Jungen zu. »Nicht nötig. Hier, für dich.«
Der Stallbursche fing den Apfel auf und senkte ehrwürdig den Kopf. »Habt Dank, mein Prinz.«
Der Geruch nach Stroh, Heu und Pferd lag in der Luft. Brendan war gerne hier und verbrachte viel Zeit mit der Pflege seines Hengstes. Sehr zum Leidwesen seines Kammerdieners, der der Auffassung war, dass solche Aufgaben eines angehenden Königs nicht würdig seien.
»Aber Hoheit!«, rief Henry, überholte Brendan und blockierte ihm den Weg. »Ihr könnt doch nicht ...«
Brendan lief um ihn herum und tat so, als sei er nicht da.
»Hört Ihr mich nicht?«
»Ich glaube, er will dich nicht hören.« Marco verbarg sein schelmisches Grinsen hinter dem Apfel, in den er kurz darauf genüsslich biss.
Beschwingt nahm Brendan den Sattel aus der Haltevorrichtung und machte sich auf den Weg zu dem schwarzen Hengst, der seinen Besitzer bereits mit leuchtenden Augen erwartete und begeistert wieherte.
»Nein, nein, nein!« Henry schoss erneut an Brendan vorbei und stellte sich mit weit ausgebreiteten Armen vor Arias‘ Box. »Eure Hoheit!« Henrys Stimme bebte und die Falte zwischen seinen Augen war so tief, dass sich die Brauen beinahe berührten. »Ich lasse nicht zu, dass Ihr das Schloss verlasst! Euer Vater wird gleich die Eröffnungsrede halten.«
»Schön für ihn. Er ist alt genug, seine Texte selbst abzulesen«, sagte Brendan nüchtern.
»Seid nicht so respektlos Eurem Vater gegenüber. Wenn er herausfindet, dass Ihr schon wieder ausgebrochen seid …« Henry verzog das Gesicht.
»Was willst du dagegen tun? Mich in mein Zimmer einsperren?« Brendan schob Henry mühelos beiseite, um an sein Pferd zu gelangen.
»Natürlich nicht«, lenkte Henry ein.
Brendan führte Arias aus der Box und begann, den Sattel festzuschnallen. »Sei nicht so gewissenhaft. Warum gehst du nicht wie alle anderen auf das Fest? Dort warten sicherlich viele schöne Mädchen auf dich.« Er zwinkerte dem Kammerdiener zu.
»Es ist meine Aufgabe, an Eurer Seite zu sein, mein Prinz«, beharrte er.
Brendan seufzte. »Ich gebe dir frei.«