NINILCHIK
– Geheimtipp
für Fischer und
Muschelsammler
Vor der engen Klotüre der Condor Boeing 767 verstellt mir der „Froschmann“ forsch den Weg. Schon am Frankfurter Flughafen, beim Einchecken, ist mir der schlaksige Typ aufgefallen. Stolz wie ein Pfau stelzte er durch die Abfertigungshalle. Selbstsicher das Kinn angehoben, gehüllt in eine lässige Kluft. Am Cowboyhut mit Patina wackelt ein giftgrüner Frosch aus weichem Gummi. Groß wie ein Handteller hängt die Amphibie an der Kordel. Bei jedem Schritt wippen verführerisch die langen Schenkel mit den Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Ungewöhnlich ist dieser Schmuck am Hut. Fischer, Jäger und herausgeputzte Vertreter lassen sich auf Grund ihres Outfits leichter einschätzen, aber ein Lurch?
Ein Sonderling scheint der Mann im besten Alter auf jeden Fall zu sein, denn auch auf dem engen Sitz des Ferienfliegers legt er seine Kopfbedeckung nicht ab. Mit Interesse habe ich sein Gehabe gemustert und ausgiebig geschmunzelt. Nun hat er mich aus der Masse der Passagiere gezielt herausgepickt. Wohl zu lange habe ich mit dem Unbekannten die Blicke gekreuzt und er verwickelt mich in ein Gespräch. Er findet in mir einen dankbaren Zuhörer. Immerhin schleppt sich der Flug über neun Zeitzonen, ehe wir in Anchorage landen. Genug Zeit zum Erzählen. Abenteuerliche Geschichten austauschen. Ratschläge hamstern. Zudem ist Stehen allemal gesünder, als im Sitzen auf die Attacke einer Thrombose zu warten. Mein erbettelter Fensterplatz bietet ohnehin nur den Ausblick auf ein dichtes Wolkenmeer. Zudem verdeckt unmittelbar vor meiner Nase ein Teil der Tragfläche die Vogelschau auf die Erde. Ausgereizt sind die Musikkanäle und das blutlose Geschwätz mit Sitznachbarn, die sich in den Schlaf flüchten. Durch viele Reihen von mir getrennt, döst mein Reisegefährte Walter mit seinem Arbeitskollegen, der sich den Alaskatraum zum ersten Male erfüllt.
Vorzüglich gelingt es mir, gezielte Fragen wie Akupunkturnadeln zu setzen. Fast immer erwische ich einen sensiblen Punkt, der die Quelle seines Mitteilungsbedürfnisses zum Sprudeln bringt. Rasch stellt sich heraus, dass der ledige Weltenbummler sein gutes Einkommen auf wochenlangen Reisen verpulvert. Nach Belieben frönt er seinem nassen Weidwerk. Mit Leidenschaft stellt er den kapitalsten Flossenträgern nach. Nilbarsche aus dem Assuan-Stausee, gewaltige Welse aus dem Wolgadelta oder die wilden Tarpons aus den Flats vor Floridas Küsten und natürlich alle Pazifischen Lachse, all das und noch viel mehr hat er in respektablen Größen gedrillt.
Meine geschickt verteilte Dosis an Bewunderung spornt den Mann zu Höchstleistungen an. In Rausch geredet, schlägt er fast verbale Purzelbäume. Um meine geäußerten Zweifel bezüglich Wahrheitsgehalt seiner Schilderungen gänzlich auszuräumen, fischt er ein ganzes Bündel an Beweisfotos aus seiner Jackentasche. Mit Genuss preist er jedes Bild seiner persönlichen Rekordfische. Nicht versiegen ausschweifende Kommentare über Länge, Gewicht und Fanggründe sowie die beste Zeit.
Letzten Endes lohnt sich das eher einseitig geführte Gespräch auch für mich. Denn mit meiner Wissbegierde ziehe ich dem Mann Revierbewertungen und nützliche Adressen aus der Nase. Einem Hamster gleich sammle ich die Informationen und notiere sie in meinem zweckmäßigen Tagebuch, das ich stets in der Hosentasche mittrage. Fett unterstrichen ist der heiße Tipp bezüglich eines Fischkutterbesitzers in Ninilchik, auf der Halbinsel Kenai. Der Berufsfischer nimmt gerne Gäste mit, um sein Einkommen mit diesem Nebenerwerb aufzubessern.
Bis zur Landung vertreibe ich mir die Zeit des Wartens mit Lesen in einem handlichen Reiseführer. Sinngemäß bleiben folgende Eckdaten haften: Ein riesiger Eispanzer bedeckte während der jüngsten Eiszeit vor rund 25.000 Jahren die Erde. Unvorstellbare Mengen der Wasservorräte wurden im festen Aggregatzustand gebunden und ließen den Meeresspiegel absacken. Der Geologe Gernot Spielvogel meinte gar beweisen zu können, dass die Ureinwohner Amerikas nicht nur über die berühmte Beringstraße, sondern auch über eine Art Kontinentalbrücke eingewandert seien. Eine Vulkaninselkette verband die heutigen Komandorsky-Inseln (Russland) mit den Aleuten in Alaska. Als mutige Jäger und Sammler folgten die Einwanderinnen und Einwanderer den Tierherden über Tausende von Kilometern.
An den Lebensraum hervorragend angepasst, entwickelten sich aus „Alaskas Ureinwohner“ verschiedene Gruppen: Im Norden des rauen Landes fassten die „Rohfleischesser“, die Eskimos, Fuß. Wagemutig verfolgten sie mit den Umiaks, wend