1. KAPITEL
Zu deiner Geburt gab es ein richtiges Feuerwerk, Teresa.
Das würde sie später zu ihr sagen, dachte Jennifer Powell, als sie vom neunten Stockwerk desRiverbank Hospitals in die bunt erleuchtete Nacht sah. Es war der Sonntag des Wochenendes vor dem 4. Juli, und die Bewohner von Columbus im Staat Ohio feierten.
Nun sah Jennifer Dr. William Hartman, der sich beim Näherkommen in der Fensterscheibe spiegelte, und drehte sich um.
„Dr. Powell?“
„Hmm?“ Die Stimme blieb ihr im Hals stecken.
Sie sah die tiefe Sorgenfalte über den dunklen Augen des Arztes. Um seinen breiten Mund lag ein fester, sachlicher Ausdruck.
„Ich habe Richard Gilbert erreicht, und das OP-Team hat angefangen, Ihre Schwester vorzubereiten“, sagte er und strahlte ruhige Kompetenz aus. „Das Kind wird noch in dieser Stunde kommen.“
Während das Leben meiner Schwester zu Ende geht, dachte Jennifer.
Nie im Leben hätte sie gedacht, dass ein Wochenende so lang sein konnte. Jetzt, vor dem vorläufigen Schlussakt, strömte die Erinnerung an die vergangenen drei Tage in ihr Bewusstsein zurück.
Freitagmorgen hatte sie noch nichts gewusst, als sie ihre Runde über die Pädiatrie-Station desMassachusetts State University Hospitals in Boston gemacht hatte. Es war der fünfte Tag in ihrem ersten Ausbildungsjahr als Assistenzärztin im Krankenhaus.
Freitagmorgen war sie ans Telefon des Dienstzimmers gerufen worden, ahnungslos, bis sie eine besorgte, aber auch unpersönliche Stimme hörte und ihr mitgeteilt wurde, dass ihre Schwester Heather bei einem schweren Autounfall in Columbus, Ohio, verletzt worden sei und wahrscheinlich nicht überleben würde.
Sie konnte sich sofort aus familiären Gründen freinehmen. Dr. Alan Brinkley, der für die Ärzte im ersten Jahr zuständig war, kannte ihre Familienverhältnisse gut genug: Eltern für ein Jahr in Hongkong, eine Adoptivschwester mit unbekanntem Aufenthaltsort …
Noch vom selben Telefon im Krankenhaus buchte sie einen Flug, fuhr nach Hause und packte mechanisch, bevor sie dem bei ihnen wohnenden Hausmeister ihrer Eltern ihr Auto übergab. Natürlich hatte dieser bestürzt auf die Neuigkeit reagiert.
„Mach dir keine Sorgen, Tom. Ich erzählte es meinen Eltern. Sie … Sie werden nicht extra zurückkommen, glaube ich.“
Sie hatte ein Taxi zum Flughafen genommen, den Flug knapp erreicht, war in Columbus wieder in ein Taxi gestiegen und zu dem Hotel gefahren, das der Fahrer empfohlen hatte.
„Ganz nah am Krankenhaus“, hatte er gesagt. „Und es hat einen Pool.“
Warum sprach er von einem Pool? Sie hatte nur schnell ihren Koffer aufs Bett geworfen und fünf Minuten später vorm Krankenhaus gestanden.
Entscheidend war, wie alt das Kind im Mutterleib war. Heathers Weg war zu Ende. Damit hatte sich Jennifer irgendwie abgefunden, vielleicht, weil es sich schon lange angedeutet hatte.
Heather war mit zwei Jahren adoptiert worden, kam aus schlimmen Verhältnissen und hatte nie die Erwartungen ihrer Adoptiveltern erfüllen können.
Diese wollten noch so ein Kind wie Jennifer – gesund, glücklich, intelligent und erfolgreich.
Stattdessen schien mit Heather in vieler Hinsicht etwas nicht zu stimmen, nicht nur emotional, sondern auch geistig und körperlich. Keiner der vielen Spezialisten, für die die Powells ihr Geld ausgaben, hatte mit einer Diagnose aufwarten können.
Anerkennung, nicht Therapie, wäre das Richtige gewesen.
So aber lief Heather mit zwölf zum ersten Mal davon. Mit dreizehn hatte sie schon Freunde, mit sechzehn hatte die Polizei Drogen bei ihr gefunden, und gleichzeitig lebte sie auf der Straße und kam monatelang nicht nach Hause.
„Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben“, hatte Julie Powell gesagt, und ihr M