Kapitel 2: Die Sache mit der Musik – Anfänge
Meine Mutter prägte mich durch ihre Vergangenheit als Konzertpianistin und auch mein Vater hatte Gitarre gespielt.
Vor allem aber beeinflusste mich die Gewohnheit im Hause Potschka, oft gemeinsam zu singen. In jungen Jahren, ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, drückte mir meine Mutter ein Gesangsbuch in die Hand und forderte mich auf, mich nun gesanglich einzubringen. Mir war zwar zu Beginn schleierhaft, was die Noten bedeuteten, geschweige denn konnte ich sie beim Namen nennen, aber durch die Abstände, die Intervalle der einzelnen Zeichen ausgehend von einem Grundton, erschloss sich mir die Systematik autodidaktisch so weit, dass ich mit ungefähr neun oder zehn Jahren vom Blatt singen konnte.
Das gemeinsame Intonieren von Liedern verselbstständigte sich im Laufe der Zeit. Meine Mutter brauchte sich nur ans Klavier zu setzen und dann wusste jeder sich bereitwillig so einzuordnen, dass in allen erforderlichen Höhen der Tenöre und der Altstimmen das angeschlagene Lied dreistimmig interpretiert wurde.
Das bestätigte einen für mich bis heute geltenden Grundsatz: Singen ist in jungen Jahren die beste musikalische Grundbildung. Man lernt die Gewissheit, einen Ton zu treffen und bilden zu können, mit der daraus resultierenden Fähigkeit, zu erkennen, ob jemand einen falschen Ton anschlägt oder die Rhythmik passt.
Je mehr sich die musikalische Bildung in der Familie vertiefte, desto mehr Instrumente kamen zum Einsatz: Klavier, Cello, Geige, Bratsche, Trompete und Kontrabass sorgten nicht nur für ein beeindruckendes Klangerlebnis, sondern förderten darüber hinaus die Sicherheit im Umgang mit dem musikalischen Gerät. Es war allemal besser, als allein auf den Saiten herumzukratzen, isoliert Tasten zu drücken oder entkoppelt Töne zu blasen.
Bei heutigen Geschwistertreffen schweißt uns die verbindende Erinnerung derart zusammen, dass manchmal spontan dreistimmig ein Lied gesungen wird. Alle wissen um den Text, die Melodie, ihre stimmliche Position …und dann geht es ohne Absprache direkt los.
Zu Beginn meiner musikalischen Sozialisation überwog vornehmlich die romantische Ader. Im Alter von zehn Jahren nahm ich regelmäßig Samstagnachmittags das dann immer freie Wohnzimmer allein in Beschlag, um mir dort den dramatischen Zweig klassischer Musik von Dworzak, Smetana (Die Moldau), weniger Beethoven (Favorit meines ältesten Bruders), noch weniger Mozart (Favorit meiner Mutter), aber auch populärere Sachen wie von Gershwin auf dem dort befindlichen Plattenspieler anzuhören. Das gefiel mir außerordentlich und ich setzte mich anschließend mit dem Ziel, Komponist werden zu wollen, an das elterliche Klavier. Ich wollte ein Stück schreiben, bei dem die Menschen beginnen zu weinen. Ohne jegliche theoretische Musikkenntnisse, dafür mit sehr talentiertem Gehör ausgestattet, drückte ich tiefe Mollakkorde und probierte mich an deren Kombination. Meine Mutter wunderte sich über die Beschäftigung, wusste sie doch nichts über die Motivation des Agierens, ließ mich aber gewähren.
Außerhalb des Plattenschranks rissen mich im höheren Alter die Werke von Gustav Mahler mit. Meiner Meinung nach suchen seine filigranen Arbeiten ihresgleichen, seine Arrangements sind unerreicht. Trotz der Komplexität von 50 Nebenstimmen fügen sich die Kompositionen in ein harmonisches Gesamtbild ein. Der normale Durchschnittskonsument kann vielfach wenig damit anfangen, weil das Ergebnis Ungeübte in seiner Kompliziertheit und Mächtigkeit erschlägt. Zu tragisch, zu romantisch … auf jeden Fall zu überbordend. Aber ich mag das und höre mir gerne in Ruhe über Kopfhörer – und immer mit großer Faszination – eine Mahler Symphonie auf meiner Couch an und genieße dabei alles an soundtechnischen Kniffen und Verbindungen. Mahler brachte als Erster Jazz Akkorde in die klassische Musik ein, was von George Gershwin aufgegriffen und fortgeführt wurde.
Gemäß den Ansprüchen eines Akademikerhaushaltes besuchte ich zunächst das humanistische Wirsberg Gymnasium, was bedeutete, Latein und Griechisch büffeln müssen. Die vermittelte Bildung war gut, allerdings schmeckte mir vor allem das Altgriechische gar nicht, genügte es mir doch schon, sich der toten Sprache des antiken Roms widmen zu müssen. Allerdings förderte die Bildungseinrichtung neben den traditionellen Disziplinen stark den musikalischen Zweig, was mir sehr entgegenkam. Ich lernte Notensätze, alle notwendigen, theoretischen Grundlagen, verfügte ohne Zweifel über ein gebührendes Talent auf dem musischen Gebiet. Völlig fassungslos nahm der Musiklehrer zur Kenntnis, dass ich ihm in der sechsten Klasse die erweiterte Kadenz von C-Dur nach G-Dur in gebrochenen Akkorden vorsang. So etwas hatte er zuvor noch nie erlebt. Auf sein Geheiß hin führte mein Weg zum Chor in der Gruppe der Altstimme und auch m