Kapitel 2 – Gezeichnet
Der Nebel hatte sich wie ein nasses Grabtuch um die HMS Lydia herum ausgebreitet und schickte sich an, jeden Hauch von Leben zu ersticken. Kaum ein Geräusch schaffte es, ungehindert durch die weißlich milchige Wand zu dringen. Jeder Laut, egal ob ein kehliger Schrei oder ein leises Flüstern, klang gleich schwach und es war selten möglich, sich wirklich des Ursprungs eines Geräusches sicher zu sein. Tatsächlich war William Blood im Moment aber recht glücklich über den dichten Nebel, denn es war schlicht und ergreifend eine Abwechslung zu den vernichtenden Herbststürmen, denen sich die Fregatte auf ihrer Fahrt durch den Ärmelkanal hatte stellen müssen. Stunde um Stunde war das dreimastige Schiff nur mit doppelten Reffs in den Segeln durch endlose Wellentäler gestampft, nur um kurz darauf auf einem Wellenkamm hoch über dem Meer den zuckenden Blitzen umso näher zu kommen. Für Blood war die stürmische Überfahrt eine Tortur gewesen. Nicht, dass er das Meer hasste, doch das Hin und Her, das Auf und Ab und die beständige Angst, eingeschlossen in einem groben Holzgerüst aus morschen Balken jämmerlich in sein nasses Grab hinabzusinken, hatte ihm zusätzlich zu der konstanten Übelkeit auch noch den Schlaf geraubt.
Mit kaum hörbaren Schritten trat Jan Martens neben ihn. Der hünenhafte Schwede überragte jeden noch so stämmigen Seemann der Lydia um einen ganzen Kopf und bewegte sich dabei doch meistens leise wie eine Katze. Heute verriet ihn jedoch das laute Schmatzen, mit dem er genüsslich einen Apfel kaute. Doch Blood wusste, dass dies nur daran lag, dass der Mann aus den Wäldern gehört werden wollte. Angewidert drehte sich Blood zu dem blonden Hünen um und sah ihm einen Moment lang beim Kauen zu. Mit jedem Bissen troff Apfelsaft in den zotteligen Bart des Riesen und verklebte die ohnehin schon unrettbar verwobenen Strähnen noch mehr miteinander.
»Wie kannst du ... wie kannst du bei solch einem ...« Er schaffte noch einen unartikulierten Laut, dann verschwand Blood nach vorne, Richtung Bug, wo er sich würgend über die Reling erbrach.
Jan Martens kaute ungestört weiter an seinem Apfel und hörte auch nicht auf, als der Offizier der Wache lachend neben ihn trat.
»Ach je, der Arme. Er hat sich ja schon kurz nach dem Auslaufen die Seele aus dem Leibe ... nun ja, Mister Blood fühlte sich indisponiert. Aber jetzt, wo wir in dieser Flaute liegen, immer noch?«
Jan Martens blickte den Offizier an, zuckte stumm die Achseln, während er den Rest des Apfels samt Kerngehäuse verspeiste. Doch eine weitere Stimme übernahm die Antwort für ihn – eine zart-heitere Stimme mit einem melodiösen Singsang.
»Sie müssen es ihm nachsehen, Lieutenant ...«
Der Offizier der Wache lachte heiter und reichte dem Neuankömmling die Hand.
»Skinner, Sir. Lieutenant Skinner. Ich bin der vierte Lieutenant