1. Kapitel
Mainz, September 2014
Marlene hatte gleich im Schlafanzug Frühstück gemacht, den Tisch gedeckt, nach Frank gerufen, er möge sich mal beeilen, wobei ihre Stimme heller klang als um diese Uhrzeit üblich. Jetzt stand sie vor dem Spiegel im Bad, betrachtete die Spuren der frühmorgendlichen Umarmungen an Gesicht und Hals. So ließ sich dieser Freitag gut an und Marlene sagte sich, dass sie an diesem Wochenende auf keinen Fall das warme Gefühl verlieren wollte, das sie im ganzen Körper spürte.
Als Frank sich setzte und sie gerade begann, ihm zu sagen, was sie sich für das Wochenende ausgedacht hatte, unterbrach er sie. Sagte ja ja, während er seinen Blick auf die Zeitung richtete. Und sagte weiter, dass die ganze Familie am Wochenende, also Samstag und Sonntag, in Neuwied erwartet werde. Und fügte mit Nachdruck hinzu: »Du weißt ja, warum.«
Marlene, die einen Anflug von Schrecken in sich spürte, starrte Frank nur stumm an, als Alexander, der fünfzehnjährige Sohn, in der Tür auftauchte. »Muss sofort weg, bin schon viel zu spät!«
Frank schüttelte den Kopf, Marlene sprang auf, lief hinter Alexander her, wollte wissen, ob er alles habe, und wieder ohne Frühstück, aber der Sohn, ohnehin durch Kopfhörer und Kapuze vor elterlichen Zurufen geschützt, ließ schon die Tür hinter sich zufallen.
Die Unterbrechung nutzend, ging Marlene wieder ins Bad, verschloss die Tür, setzte sich auf den Rand der Badewanne.
Sie merkte ihre Enttäuschung, hatte sich doch das Wochenende mit weiteren Umarmungen ausgemalt. Und nun Neuwied. Der Todestag des unbekannten Schwiegervaters.
Marlene stand auf, betrachtete ihr Spiegelbild, sagte zu sich selbst, mein Gott, Marlene, wie siehst du wieder aus. Sie nahm die Flasche mit der Reinigungsmilch, auf der »entknittert die Haut« stand, gab einen großen Klecks auf die linke Handfläche und verteilte die angenehm weiche Creme auf ihr Gesicht. Mit der Zunge umkreiste sie sorgfältig ihre Zähne, um den Entknitterungsvorgang um die Lippen herum zu verstärken, spülte alles mit lauwarmem Wasser ab, war nun schon zufriedener mit ihrem Gesicht. Frank klopfte an der Tür und fragte, wann sie endlich wiederkäme, er wolle jetzt auch los, aber vorher wissen, was denn mit Neuwied sei.
»Du, ich muss drüber nachdenken«, rief Marlene und drückte auf die Wasserspülung des Klosetts, um Frank hören zu lassen, dass sie jetzt im Augenblick auf keinen Fall herauskommen könnte.
»Wir können heute Abend drüber sprechen«, fügte sie hinzu und hörte erleichtert, wie Frank sich draußen im Flur hin- und herbewegte und mit einem »Tschüss, bis heute Abend!« die Eingangstür schloss.
Marlene wartete noch einen Moment, ging dann in die Küche und sah vom Fenster aus, wie ihr Mann vorsichtig rückwärts aus der Garage fuhr und mit seinem Auto in die Straße abbog, die heute Morgen schon wieder regennass war. Septemberwetter.
Ich bin, sagte Marlene in dieses Wetter hinein, ich bin in Berlin geboren.
Dieser Satz richtete sie auf. Sie sagte ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit, zu sich selbst und zu anderen.
Ich bin in Berlin geboren. Versteht ihr? Großstadtluft, das Leben in Berlin ist ganz anders. Wenn Frank dabei war, bemerkte er, sie sei doch noc