: Volker Leuoth
: Der Himmel bestimmt deine Zeit Ein historischer Roman aus der Zeit nach dem Großen Brand in Aachen und über den mutigen Einsatz einer jungen Frau, am Wiederaufbau der zerstörten Stadt mitzuwirken
: Eifeler Literaturverlag
: 9783961230303
: 1
: CHF 9.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
Aachen im Mai 1656: Nach dem Großen Brand liegt die Stadt in Schutt und Asche. Die junge Bäckerstochter Anna Maria sucht in der allgemeinen Verwirrung einen Weg, mit der vermeintlichen Schuld ihres Vaters an der Katastrophe umzugehen. Sie verspürt die Bestimmung, Verantwortung zu übernehmen und am Wiederaufbau der zerstörten Stadt mitzuwirken. Bei ihrem Einsatz für Gerechtigkeit, gegen Missgunst, Hehlerei und Bestechlichkeit kommt sie schließlich kriminellen Geschäftemachern gefährlich nahe ...

Volker Leuoth ist promovierter Sonderschullehrer, arbeitete viele Jahre in der Lehrerausbildung und hatte einen Lehrauftrag an der Universität zu Köln. Er ist Mitautor verschiedener Schulbücher, zuletzt unterrichtete er am College der VHS Aachen. Er hat bereits mehrere historische Romane zur Stadtgeschichte Aachen veröffentlicht. Zuletzt erschien 2017 im Verlag Mainz die gemeinsam mit Ali Ben Moulay verfasste Romanbiografie »Alis Reise nach Aachen«.

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Es war die Zeit der Dämmerung. Im dunklen Keller des Nachbarhauses der Maws schienen erste Sonnenstrahlen durch die angebrannten Türbretter. Die Helligkeit bildete die wenigen Gegenstände im Keller wie Schatten an der Wand ab und wirkte als Aufforderung zum Aufstehen. Keine der beiden Frauen, die dort hausten, hatten schlafen können.


Ein neuer Tag begann für Anna Maria: ohne Familie, voller Angst vor den Folgen des Brandes, mittellos und gebeutelt, sehnsüchtig nach Johannes und in Gedanken an Graf Arnold.

Nachdem sie und Wilhelmine Huppertz stillschweigend übereingekommen waren, sich so gut es ging in der Not gegenseitig beizustehen, hatte sich Anna Maria ein weiteres Mal in kurzer Zeit im Keller ihrer Nachbarin notdürftig eingerichtet.

Beide saßen nun nachdenklich beieinander, ohne zunächst zu wissen, wie es weitergehen könnte – auch zwischen ihnen.

»Anna Maria, was glaubst du, wie es ausgehen wird, wenn man jetzt sicher ist, dass der Brand drüben bei euch entstanden ist?«, fragte Frau Huppertz fast stockend. Sie versuchte ihr Bedauern, wie vor Tagen bereits einmal, auszudrücken, indem sie Anna Marias Hand sanft berührte. »Wie lange können wir uns hier halten? Wird es zum Prozess gegen dich oder deine Mutter oder gar gegen Gustl kommen?«

»Ich bin mir nicht sicher, was werden wird, Frau Huppertz«, antwortete sie kurz und knapp.

Langes Schweigen herrschte in dem unwirtlichen Kellerraum. Von der Gasse her drangen Geräusche zu ihnen. Es war sogar Lachen darunter, was die beiden verwundert bemerkten. Dies verhieß trotz der allgemein ausweglosen Lage Zuversicht und Hoffnung. »Wir sind also doch nicht allein auf der Welt!« Ein verzweifeltes Lächeln huschte über Frau Huppertz‘ Gesicht.

Anna Maria erhob sich, strich ihr Kleid glatt und baute sich vor ihrer Nachbarin auf. »Wir hausen nun seit ein paar Tagen in diesem Loch«, meinte sie mit fester Stimme. »Ich muss mich verkriechen, weil ich nicht weiß, ob es zu einer Anklage gegen mich und Mutter kommt. Ich hab ja nichts verbrochen! Ich bin nur die Tochter desjenigen, der vielleicht – vielleicht! – diese furchtbare Katastrophe verursacht hat. War es tatsächlich eine Ohrfeige, die Gustl kassiert hat, als er schlampig mit dem Glutkasten umging? Oder ist er ihm einfach nur aus der Hand gerutscht? Wer weiß es?«

Anna Maria hatte sich in Rage geredet: »Und dann habt Ihr auch noch behauptet, dass mein Vater der alleinige Verursacher gewesen sei.« Dabei blickte sie unverwandt ihre Nachbarin an, die plötzlich in Tränen ausbrach.

»Anna Maria, bitte quäle mich nicht weiter damit. Du weißt, dass ich nicht dich oder deine Mutter anschwärzen wollte. Dein Vater war all die Jahre so voller Hass gegen uns, dass ich der inneren Stimme gefolgt bin und seinen Namen genannt habe, als mich die Stadtbüttel nach meiner Kenntnis vom Entstehen des Brandes befragten. Bitte vergib mir ein weiteres Mal! Und es tut mir von Herzen leid, dass dein Vater dabei umgekommen ist – obwohl ich ihm alles Schlechte gewünscht habe …«, setzte sie leise nach.

Anna Maria wandte sich wortlos ab und meinte nur, bevor sie den schützenden Lappen an der Kellertür wegnahm: »Ich werde versuchen, uns was zu essen zu besorgen und Euch dann sagen, wie es mit mir weitergehen könnte. Ich wollte unbedingt wieder nach Aachen zurück und trotz allem Schlimmen mein Leben hier meistern und mich der Schuld und Verantwortung stellen. Doch es ist alles so s