Kapitel 1
Prolog: Erwachen im Herbst
Herbst. Da war er wieder, der Herbst. Zumindest war es der erste Vorbote.
Eine fiese frische Brise blies durch den Aachener Talkessel. Damian Vermeer döste noch vor sich hin und hörte die Glocken von Herz Jesu bimmeln. Doch, Kirchen hatten auch in der heutigen Zeit noch ihre Berechtigung: Man konnte, vor allem wenn man etwas verkatert war wie er jetzt, bequem die Uhrzeit hören statt sie irgendwo mühevoll ablesen zu müssen. Zudem blieb Damian noch Muße, in den warmen Tiefen der Federn mit geschlossenen Augen Kräfte zu sammeln. Er zählte also mit: »… sechs … sieben …«, weiter bitte, na also: »acht …«, allmählich wurde es spannend, » …neun«. Ja, sehr gut. Weiter bitte mit dem Count-Up, mindestens einmal noch wäre gut. Aber: Nichts mehr. Nach neun Schlägen war Schluss.
Ganz schön früh war das noch. Früh, weil es tags zuvor halt spät geworden war, sehr spät, erst im Exil, dann im Dumont‘s. Freitagnacht halt, sein Ausgehabend einmal im Monat mit den Kumpels. Und oftmals auch, so wie gestern, sein sehr langer Wegbleibabend.
Oder hatte er den ersten Schlag überhört? Die Augen ließen sich schon öffnen. Blick zur Uhr: Mist, wo ist die Brille? Doch, es war wirklich erst 9.
Die Dusche hatte dann einigermaßen erfrischt. Jetzt blubberte die alte Kaffeemaschine. Das betagte Brot ließ sich noch auftoasten, und Käse nahm erst im fortschreitenden Alter so richtig Würze an, kurz bevor der Schimmel an ihm nagen wollte. Zwei Apfelschnitze dazu gaben Damian das gute Gefühl von ausgewogener, gesunder Ernährung. All das gehörte mit Mitte fünfzig zu seiner kulinarischen Lebenserfahrung.
Vor seinem Fenster sah Damian Vermeer die ersten Blätter herumwirbeln. Ein kleiner Schauer kam hinterher. Herbst, dieser Mistherbst. Damian dachte an Hanns Dieter Hüsch: Das mit den Jahreszeiten sei ja nun mal so vorgegeben, hatte der große niederrheinische Kabarettist mal gesagt. Für Damian hatte der banale Satz mit der Vorgegebenheit eine große, selbstverständliche Kraft. Ja, immer schön der Reihe nach, ohne Ausnahme, es gibt eben Dinge, die kann man nicht erzwingen. So ist das mit dem Leben, mit der Liebe und mit den Jahreszeiten. Auch der heißeste Glutsommer wie in diesem Jahr wird irgendwann zielsicher vom Herbst abgelöst. So war das schon bei den Glutsommern davor gewesen.
Aber wie vorgegeben der Herbst auch sein mochte, Damian mochte ihn nicht. Er konnte nicht verstehen, wie ihn überhaupt jemand mochte. Herbst stand für die usselige Phase des Vergehens, des Welkens, der Traurigkeit, der monatelangen Deprimiertheit. Herbst! Schon die Aussprache, fand er, klingt so verkniffen in ihrer Konsonantenkatastrophe: Herbst, dass Zunge und Lippen sich leicht verheddern könnten. »Herbst ist, wenn du sterbst.« So sagt man doch. Kein Zweifel: Herbst war eine Scheißjahreszeit und gleichzeitig ein Scheißwort. Weswegen ihn der lebenskluge Öcher lieber zumHervs verkürzt und zungenfreundlich zweisilbig ein bisschen wie