: Hans-Peter Pracht
: Eifelweihnacht, Weihnachtseifel Neue Geschichten rund um das Fest von bissig bis besinnlich
: Eifeler Literaturverlag
: 9783961230402
: 1
: CHF 7.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 140
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Advents- und Weihnachtszeit war für die Menschen in der Eifel immer etwas Besonderes, sie war stets eine Zeit, in der man sich nach der schweren Arbeit während des Jahres etwas mehr Ruhe gönnte. Die unter glitzerndem Schnee versteckten hügeligen Landschaften, die unendlich erscheinenden Wälder und die vereinzelten Dörfer waren dafür immer schon die passende Kulisse. Hans-Peter Pracht erzählt Weihnachtsgeschichten, die nicht nur erfreuen und Erinnerungen an alte Zeiten wecken, sondern auch Weisheiten, Erkenntnisse und Erfahrungen rund um dieses Fest vermitteln. Meist geht es dabei besinnlich zu, bisweilen aber auch bissig und etwas unheimlich. Berichtet wird von Kriegsrückkehrern, die am Heiligabend von Wölfen nach Hause gehetzt werden, von raffgierigen Großgrundbesitzern, die die Geschenke der Ärmeren stehlen oder von Amerika-Auswanderern, die in ihre Heimat zurückkehren, weil sie so sehr Heimweh nach der Eifelweihnacht haben ...

Hans-Peter Pracht, geboren 1949 in Oldenburg, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Grafschaft und hat bereits zahlreiche Bücher zur Eifel veröffentlicht. Darin beschäftigt er sich vor allem mit der Eifeler Kultur, mit lokalem Brauchtum, Sagen und der Geschichte der Eifel.

Heimweh nach Eifel-Weihnachten



Der Eifelwinter kündigte sein Erscheinen diesmal schon früher als in den vorangegangenen Jahren an. Alles deutete darauf hin, dass wieder eine harte und entbehrungsreiche Zeit bevorstand, die den Menschen zu schaffen machen, sie aber auch zusammenrücken würde. Der klirrende Frost nahm den letzten Blättern auf den Bäumen die sommerliche Farbe, färbte sie gelb und braun. Der beißende, heftige Wind half dabei, sie schon bald ihren Zweigen zu entreißen und von ihrem Ursprungsort hinwegzutragen.

Heinrich, der alte Schäfer, war froh darüber, dass er sich rechtzeitig im Sommer mit ausreichend Proviant für die bevorstehende kalte und dunkle Jahreszeit versorgt hatte. Seine kleine Hütte, sehr einfach, bescheiden und ohne jeglichen Komfort, stand am Waldrand ein ganzes Stück entfernt von dem kleinen Dorf in der Schneifel. Die nächste größere Stadt, Prüm, war so weit entfernt, dass er dort in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal gewesen war.

Kaum jemand beachtete den alten Mann, wenn er im Sommer die große Schafherde der Bauern über die Wiesen trieb und die ihm anvertrauten Tiere sorgsam und pflichtbewusst hütete. Die einzigen, mit denen er hin und wieder sprach, waren nur diese Tiere, die Vertrauen zu ihm hatten. In der Winterzeit dachte schon keiner mehr an ihn. Er lebte einsam und zurückgezogen, niemand suchte den Kontakt zu ihm. Auch er bevorzugte die Einsamkeit; warum, wusste nur er selbst. Erst wenn nach der Schneeschmelze die Schafe der Bauern aus den winterlichen Unterkünften wieder ins Freie kamen und eine größere Herde bildeten, besannen sich die Bauern des alten Heinrichs und nahmen seine Dienste für ein geringes Entgelt wieder in Anspruch. Den Jüngeren aus dem Dorf war es gleichgültig, ob es nun den alten Heinrich gab oder nicht. Aber auch die älteren sprachen nur selten aus ihrer Erinnerung über ihn.

Vor vielen Jahren hatte er noch gemeinsam mit ihnen in dem Dorf gelebt, bis ihn ein schwerer Schicksalsschlag hatte zum Einsiedler werden lassen. Von Jahr zu Jahr hatte aber bei allen anderen die Erinnerung an ihn nachgelassen. Von keinem war etwas Genaues über dieses Ereignis zu erfahren. Zu lange war es inzwischen her, dass Heinrich noch zu der Dorfgemeinschaft gehört hatte.

»Der ist doch verrückt!«, behaupteten die einen und wiegelten damit weitere Fragen über diesen Menschen leichtfertig, ja, gedankenlos ab. Keiner wollte in der Vergangenheit und in seinem Gedächtnis kramen.

Alle zogen stets das Kartenspiel in dem dicht mit Pfeifenqualm gefüllten Schankraum des kleinen Wirtshauses direkt gegenüber der kleinen, romanischen Pfarrkirche vor. Keiner konnte sich daran erinnern, dass Heinrich in den letzten Jahren, ja sogar Jahrzehnten, diese Gaststube jemals betreten hatte. Die Geselligkeit war ihm fremd geworden, einfach abhandengekommen.

»Ein Einzelgänger ist das, dem es keiner recht machen kann!«, klang es manchmal in der Runde am Spieltisch, der aus dicken Eichenbohlen gezimmert war.

Ergänzend war dann zu vernehmen: »Welch ein Schicksal, das er erlebt hat!« Damit waren diese Gedanken und kurzen, nichts sagenden Kommentare für gewöhnlich beendet.


Die ersten Schneeflocken hatten über Nacht das reizlose Grau dieser Jahreszeit in ein freundliches Weiß gehüllt und der Landschaft das alljährliche winterliche Aussehen zu dem bevorstehenden Weihnachtsfest beschert. In jedem Haus des Dorfes, in jeder Stube besannen sich die Menschen auf das immer näher rückende Fest, das die dunklen, kalte