ONKEL NATE ODER DIE HOHE KUNST, AUS DEM FENSTER ZU SCHAUEN
von Janika Rehak
»Gut so?« Ich rücke den Rollstuhl zurecht.
Onkel Nate lächelt. »Bestens. Danke.«
Das Licht hier draußen ist etwas Besonderes. Deswegen ist Onkel Nate an diesen Strand gezogen.
Geblieben ist er wegen Allison.
Es gibt diesen ganz bestimmten Moment, bei einem ganz bestimmten Sonnenstand. Wolken und Meer spielen auch eine Rolle. Die Sonne sinkt auf den Horizont zu und für einen Augenblick haben Wasser und Wolken dieselbe Farbe. Das Licht zerbirst in winzige Sprenkel. Es ist ein lockender Fingerzeig. Eine Verheißung, dass etwas dahinter liegt, dass Wolken, Wasser und Horizont nicht die Grenze sind. Dass es mehr gibt als das.
Onkel Nate hat ein komplettes Erwachsenenleben an diesem Strand verbracht. Er ist zum Fischen rausgefahren, noch mit über siebzig. Er weiß, was hinter dem Horizont liegt. Wasser und noch mehr Wasser.
Trotzdem sitzt er jeden Abend am Fenster und wartet. Es ist der wichtigste Moment des Tages für ihn.
Allison wird zurückkehren. Vielleicht heute.
Immer wenn sich die Sonne senkt, flüstert das Licht sein Versprechen. Vielleicht heute.
So geht das schon seit fünfzig Jahren.
»Junior?!« Onkel Nates Stimme schnarrt durch das Haus. Ich schrecke vom Bildschirm hoch.
Sorry, tippe ich in die Eingabezeile.Wichtiger Anruf.
Klar, antwortet Erin.
Ich haste in Onkel Nates Zimmer. Er hat sich im Bett aufgesetzt, soweit er das selbst kann, sein Körper hängt in 60-Grad-Winkel zwischen den Kissen. Das sieht schrecklich unbequem aus. Ich schiebe meine Arme unter Schultern und Knie und hieve ihn in seinen Sessel. Ich kann jede einzelne Rippe spüren. An seinen Hüftknochen holt man sich blaue Flecken.
Seine Stirnfalten glätten sich, als ich den Rollstuhl zum Fenster ausrichte. Er benutzt ihn nur noch selten, das Sitzen strengt ihn an.
Sonnenstrahlen beleuchten ihm Kinn und Wangen. Gerade noch rechtzeitig. Eine Minute später wäre der Moment verstrichen gewesen.
Da sind Bartstoppeln. Ich war heute Morgen nicht gründlich genug.
»Tut mir leid«, sage ich. »Ich habe die Zeit verpasst.«
Nate tätschelt meinen Arm. »Wieder dieses Mädchen, hm?«
Mein Gesicht wird warm. Das verrät mich.
»Triff sie doch mal.« Für Onkel Nate ist immer alles so einfach.
Erstens ist Erin kein Mädchen. Sie ist fast dreißig, genau wie ich. Außerdem will sie es langsam angehen lassen. Genau wie ich