: Monika Niehaus, Janika Rehak, Uwe Neuhold, Isabell Hemmrich, Christian Endres, Hans Jürgen Kugler, M
: Aiki Mira, Uli Bendick, Mario Franke
: Am Anfang war das Bild
: Hirnkost
: 9783949452161
: 1
: CHF 15.30
:
: Anthologien
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine phantastische Wechselwirkung zwischen Erzählung und Bild. Geschichten lassen Bilder entstehen und Bilder Geschichten. Aus diesem Gedanken entstand die Idee, Autor:innen aufzurufen, Erzählungen zu schreiben, die von eigens für diesen Zweck entstandenen Bildern inspiriert sind. Gleichzeitig wollten die Herausgeber:innen Uli Bendick, Aiki Mira und Mario Franke herausfinden, was passiert, wenn ebendiese Geschichten zur Inspirationsquelle werden. Entstanden ist eine Anthologie, die 18 jeweils von zwei Bildern umrahmte Storys umfasst. Das schön gestaltete gebundene Buch mit Lesebändchen enthält Texte u. a. von Heidrun Jänchen, Achim Stößer, Christian Endres, Isabell Hemmrich.

Uli Bendick, geboren1954, war über 40 Jahre in der Pflege tätig und ist nunmehr Rentner. Er widmet sich als Autodidakt ausschließlich seinem Hobby: der Acrylmalerei und der Gestaltung digitaler Collagen. Für Letzteres verwendet er einzelne Bildelemente und fügt sie zu einem neuen Bild zusammen, das keinerlei Bezug mehr zum Ausgangsmaterial aufweist. Im Team mit Michael Tinnefeld hat er 'Diagnose F', erschienen 2021 bei p.machinery, herausgebracht. Im Jahr 2021 wurde er für seine Illustrationen in der Anthologie 'Der Grüne Planet', erschienen im Hirnkost-Verlag, für den Kurd Laßwitz Preis nominiert. Aiki Mira studierte Medienkommunikation in Stirling, London und Bremen. Danach forschte Aiki zu Jugendkultur und Gaming. Heute lebt Aiki in Hamburg und schreibt Science-Fiction, Near Future und New Weird. Im Jahr 2021 erscheinen Geschichten von Aiki Mira unter anderem in den Anthologien 'Diagnose F' bei p.machinery und 'Eden im All' bei Modern Phantastik sowie im c't Magazin 5/21, bei Exodus in Heft 43 und der Literaturzeitschrift Haller Heft 17. www.aikimira.webnode.com #13; Mario Franke ist Grafiker und Künstler, der sich vor allem mit der Computergrafik beschäftigt. Die Vorliebe für die Science Fiction des 1962 geborenen Leipzigers wurde durch den Bücherschrank seines Großvaters geweckt. Seine Motive finden sich in Zeitschriften wie der phantastisch! und auf zahlreichen Buchcovern und auf seiner Website: www.künstlichkeit.de.

ONKEL NATE ODER DIE HOHE KUNST, AUS DEM FENSTER ZU SCHAUEN


von Janika Rehak


»Gut so?« Ich rücke den Rollstuhl zurecht.

Onkel Nate lächelt. »Bestens. Danke.«

Das Licht hier draußen ist etwas Besonderes. Deswegen ist Onkel Nate an diesen Strand gezogen.

Geblieben ist er wegen Allison.

Es gibt diesen ganz bestimmten Moment, bei einem ganz bestimmten Sonnenstand. Wolken und Meer spielen auch eine Rolle. Die Sonne sinkt auf den Horizont zu und für einen Augenblick haben Wasser und Wolken dieselbe Farbe. Das Licht zerbirst in winzige Sprenkel. Es ist ein lockender Fingerzeig. Eine Verheißung, dass etwas dahinter liegt, dass Wolken, Wasser und Horizont nicht die Grenze sind. Dass es mehr gibt als das.

Onkel Nate hat ein komplettes Erwachsenenleben an diesem Strand verbracht. Er ist zum Fischen rausgefahren, noch mit über siebzig. Er weiß, was hinter dem Horizont liegt. Wasser und noch mehr Wasser.

Trotzdem sitzt er jeden Abend am Fenster und wartet. Es ist der wichtigste Moment des Tages für ihn.

Allison wird zurückkehren. Vielleicht heute.

Immer wenn sich die Sonne senkt, flüstert das Licht sein Versprechen. Vielleicht heute.

So geht das schon seit fünfzig Jahren.

»Junior?!« Onkel Nates Stimme schnarrt durch das Haus. Ich schrecke vom Bildschirm hoch.

Sorry, tippe ich in die Eingabezeile.Wichtiger Anruf.

Klar, antwortet Erin.

Ich haste in Onkel Nates Zimmer. Er hat sich im Bett aufgesetzt, soweit er das selbst kann, sein Körper hängt in 60-Grad-Winkel zwischen den Kissen. Das sieht schrecklich unbequem aus. Ich schiebe meine Arme unter Schultern und Knie und hieve ihn in seinen Sessel. Ich kann jede einzelne Rippe spüren. An seinen Hüftknochen holt man sich blaue Flecken.

Seine Stirnfalten glätten sich, als ich den Rollstuhl zum Fenster ausrichte. Er benutzt ihn nur noch selten, das Sitzen strengt ihn an.

Sonnenstrahlen beleuchten ihm Kinn und Wangen. Gerade noch rechtzeitig. Eine Minute später wäre der Moment verstrichen gewesen.

Da sind Bartstoppeln. Ich war heute Morgen nicht gründlich genug.

»Tut mir leid«, sage ich. »Ich habe die Zeit verpasst.«

Nate tätschelt meinen Arm. »Wieder dieses Mädchen, hm?«

Mein Gesicht wird warm. Das verrät mich.

»Triff sie doch mal.« Für Onkel Nate ist immer alles so einfach.

Erstens ist Erin kein Mädchen. Sie ist fast dreißig, genau wie ich. Außerdem will sie es langsam angehen lassen. Genau wie ich