„Von Weimar nach Bonn“ ist der Titel des 1970 erschienenen Buches von Golo Mann (1970), das den Untertitel „Fünfzig Jahre deutsche Republik“ trägt. Nun ja: „Fünfzig Jahre deutsche Republik“ könnte einem suggerieren, es sei in Deutschland in Sachen „Republik“ von 1920 bis 1970 nur einfach so vorangegangen. War aber nicht so. Da gab es doch dieses das anheimelnde Bild störende tausendjährige Jahrzwölft mit seinen dezidiert antirepublikanischen Merkmalen; manche nennen das vulgär „Nazi-Reich“. Was aber an der Mannschen Idee von „Weimar nach Bonn“ nach wie vor reizvoll ist: Vor dieser Hintergrundfolie können zur Erhellung geschichtlicher Entwicklungen paradigmatische Figuren auf die Bühne gebracht werden.
Man kann die für Deutschland und Europa relevanten Aspekte des 20. Jahrhunderts in vielfältiger Weise betrachten und von ihnen auf unterschiedliche Weise berichten. Eine Möglichkeit ist die der realen oder fiktiven Biographie. Wenn diese dann noch einer Person gilt, an deren persönlichem Geschick und Lebenslauf sich das Allgemeine einer Epoche sichtbar machen lässt, hat man schon die halbe Miete. Und deren zweite Hälfte, wenn man seinen Stoff noch in einer Weise wirkt, dass er der behandelten Thematik in methodischer Hinsicht kongenial ist. Als gelungenes Beispiel für eine solchen Verschränkung von Inhalt und Methodik (Hanimann, 2020; Plath, 2020) darf man Annette Webers (2020) „Annette, ein Heldinnenepos“ ansehen. Dafür gab es 2020 den Deutschen Buchpreis.
„Annette“ ist keine fiktive Figur. Mit und unter diesem Namen wird vielmehr einem breiten Publikum bekannt gemacht die 1924 in einfache Verhältnisse geborene und heute noch lebende Französin Annette Beaumanoir. Schon als 16-Jährige kämpft sie in der Résistance gegen die deutschen Besatzer. Sie rettet Jüdinnen und Juden vor der Deportation, wofür Israel in Yad Vashem ehrt, wird jedoch für diese Eigenmächtigkeit von der KP Frankreichs bestraft und wechselt zur gaullistischen Résistance. Nach dem Krieg heiratet Annette, studiert Medizin und bekommt drei Kinder, bevor sie als „Kofferträgerin“ Geld für den Befreiungskampf der Algerier durch Frankreich transportiert. Sie wird verraten und zu zehn Jahren Haft verurteilt, kann jedoch nach Nordafrika fliehen, gehört der ersten Regierung des unabhängigen Algeriens an, gerät nach dem Putsch gegen den Präsidenten Ben Bella 1965 abermals in Lebensgefahr und entkommt mit knapper Not. Danach arbeitet sie in einer Genfer Klinik, bis das Gerichtsurteil aufgehoben wird und sie nach Frankreich zurückkehren kann.
Nehmen wir als zweites Beispiel eines, von dem der „Ammersee Kurier“, unser Heimatblättchen. immer mal wieder berichtet. Die dort behandelte Frage lautet der Sache nach: Was hat der im Spätjahr 2020 getroffene Gemeinderats-Beschluss unseres Nachbardorfes Schondorf am Ammersee, mit der westpiemontesischen Gemeinde Boves eine Städtepartnerschaft einzugehen, zu tun mit einem gewissen Joachim (Jochen) Peiper? Der wurde 1915 in Berlin-Wilmersdorf geboren, wegen Kriegsverbrechen 1946 im Dachauer Malmedy-Prozess zum Tode verurteilt, als Häftling in Landsberg am Lech 1951 vom Hohen Kommissar John J. Mc-Cloy begnadigt und 1956 aus deutscher Haft entlassen. So weit so gut. Oder schlecht aus der Perspektive von Menschen, die meinen, Kriegsverbrecher sollten nicht unter „lebenslänglich“ davon kommen; aus Res