„Kannst du das präzisieren?“, fragte Marianne.
Gisela antwortete nicht sofort, worauf Marianne nachlegte:
„Kannst du das vielleicht etwas genauer erklären?“
„Ich habe dich schon verstanden“, erwiderte Gisela,„nur weil ich lange Zeit auf einer Alm gelebt habe, heißt das nicht, dass ich dumm bin.“
Marianne erschrak.
„Das ist mir jetzt sehr peinlich, Gisela. Ich wollte dich nicht kränken. Bitte, entschuldige!“
„Ist schon gut“, erwiderte Gisela, der bewusst geworden war, dass sie etwas überreagiert hatte.
„Das ist noch immer ein Reizthema für mich und es tut noch immer verdammt weh.“
Elke legte ihre Hand auf Giselas Arm.
„Wir verstehen das, Gisela. Marianne wollte dich keinesfalls verletzen.“
Gisela stand auf und holte eine weitere Runde Schnaps. Sie stellte das Tablett auf den Tisch und nahm sich ein Glas.
Dann hob sie es in die Höhe und sagte:
„Auf meinen Loisi und dass die Verbrecher verrecken sollen. Allesamt!“
Elke führte den markigen Trinkspruch auf den Schmerz der Wirtin zurück und auf ihren Alkoholkonsum. Und also erhob auch sie ihr Glas und sagte:
„Auf deinen Alois. Möge er in Frieden ruhen.“
Die restlichen Anwesenden erhoben ebenfalls ihr Glas und leerten es in stillem Gedenken.
„Nicht nur, dass sie mir meinen Alois genommen haben, sie haben ihn auch mit Dreck beworfen.“
Gisela schickte sich an, ihre Geschichte weiterzuerzählen.
„Irgend so ein Schmierfink hat an die Außenwand des Gasthauses das Wort<Kinderschänder> gesprüht. Und das nur wenige Tage nach seiner Beerdigung.“
„Hast du das nicht angezeigt?“, fragte Biggi.
Gisela musste lachen; aber es war das Lachen einer gequälten Seele.
„Natürlich habe ich das angezeigt. Aber das hätte ich mir auch schenken können. Es war, als hätte man den Teufel um Weihwasser gebeten.“
Elke wunderte sich über diesen Vergleich, ebenso wie über die Wirtin selbst. Diese Frau vermochte sie nicht wirklich einzuschätzen.
„Ich erinnere mich an die Geschichte. Es stand damals in der Zeitung.“
Karola hatte das gesagt.
Gisela sah Karola an und lächelte. Und dieses Mal war es eher eine Geste der Dankbarkeit.
„Das hatte natürlich Folgen.“
„Die Gäste blieben aus“, folgerte Biggi richtig.
„Zuerst die Leute von der wöchentlichen Versammlung im Nebenzimmer und dann die Einheimischen.
Ich wollte das Geschmiere zuerst wegmachen, aber dann habe ich es stehen lassen und dazugeschrieben:<Das waren die Mörder meines Mannes>“
„Hattest du denn keine Angst um dein Leben?“, fragte Babs.
Gisela sah Babs lange an. Dann sagte sie:
„Ich bin schon längst tot. Ich bin an dem Tag gestorben, als sie meinen Alois getötet haben.“
Eine bedrückende Stille erfüllte den Raum.
„Es ist schlimm, wenn man den Lebensmut genommen bekommt. Ich weiß, wovon ich rede…“
Marianne hatte diese Worte ganz leise gesagt.
„Ich gehe jetzt in die Küche und hole Speck und Brot.“
Dieser Satz war wie eine Erlösung für alle.
„Du könntest mir helfen, Mädchen.“
In jeder anderen Situation hätte sich Biggi die Bezeichnung „Mädchen“ verboten; aber nicht jetzt und hier.
„Das mache ich gerne“, antwortete Biggi und folgte Gisela in die Küche.
Kurz darauf kamen die beiden zurück und stellten Brot und Speck auf den Tisch. Teller und Messer wurden ausgeteilt und dann bediente sich jeder nach Herzenslust.
„Sag einmal Gisela, könntest du dir vorstellen, für uns jeden Tag zu kochen, solange wir hier sind?“
Gisela sah Elke erstaunt an.
„Wir würden jeden Abend zu dir kommen und das essen, was du für uns gekocht hast. Natürlich gegen Bezahlung.“
„Warum nicht?“, antwortete Gisela nach kurzem Überlegen.
„Ihr sagt mir, was ihr wollt, und ich koche es für den nächsten Tag.“
„Das überlassen wir ganz dir. Koche uns, was du selbst gern magst, und überrasche uns damit. Einverstanden?“
Elke sah in das strahlende Gesicht von Gisela, in welches sich gerade ein paar Tränen mischten.
„So gut war schon lange niemand mehr zu mir“, sagte Gisela und umarmte Elke.
Elke erwiderte die Umarmung und die anderen applaudierten.
„Morgen mache ich euch einen Schweinsbraten mit Knödeln“, sagte Gisela und wischte ihre Tränen fort.
*****
Elke hatte ihren Hamburger Kollegen Björn gebeten, er möge undercover für sie in Neu-Rieventhal ermitteln. Ausgestattet mit einer falschen Vita, die ihn als Neuzugang aus einemSCV3-Werk in Brüssel auswies, arbeitete er nun als Senior Controller im Ingolstädter Werk.
Björn hatte sich – auf Empfehlung eines Neu-Rieventhaler Kollegen - im Gasthaus „Deutsche Eiche“ eingemietet.
Paul Stöger war ein junger Werksangehöriger, der in der Abteilung für Karosseriebau arbeitete, und den sich Björn gezielt ausgesucht hatte. Björn hatte ihn während eines informellen Rundgangs durch die diversen Abteilungen angesprochen.
Bevor man Dr. Bauer, den Vertreter des operativen Controllings, ins Vertrauen zog, war er vom Verfassungsschutz eingehend überprüft worden. Er war die Rückendeckung für Björns scheinbare Tätigkeit im Werk.
Außer ihm wusste sonst niemand über die wahre Identität von Björn Bescheid. Das betraf auch die Geschäftsleitung.
*****
„Was macht eigentlich so ein Controller?“, fragte Paul Stöger, als er mit Björn abends im Gasthaus „Zur Eiche“ zusammensaß.
Es war nicht besonders schwierig gewesen für Björn, mit Paul eine Vertrauensbasis herzustellen, wobei die gemeinsame Liebe zum Fußball sehr hilfreich war.
War Paul ein glühender Anhänger von Bayern München, so gab Björn lediglich vor, auch einer zu sein. In Wahrheit schlug sein Herz für den Hamburger Sportverein.
„Das kommt darauf an“, ging Björn auf die Frage von Paul ein.„Ein operativer Controller ist für Verwaltung des Budgets und den wirtschaftlichen Erfolg zuständig. Hingegen ein strategischer Controller – so einer bin ich – analysiert den Markt, um auf Änderungen frühzeitig reagieren zu können.“
Paul zeigte sich beeindruckt von Björns Worten.
„Wie wird man ein Controller?“, fragte Paul weiter, und Björn war in diesem Augenblick sehr froh, dass er für solche Fragen ausgiebig gebrieft worden war.
„Das kann man an einer Hochschule studieren oder auch mittels eines Fernstudiums. Ich habe meinen M.Sc. an einer Hochschule in Hamburg erworben.“
„Was ist das, ein M.Sc.?“, fragte Paul, worauf Björn antwortete:
„Das bedeutet Master of Science, das ist ein akademischer Titel, den man erwerben kann.“
„Und verdient man gut?“, war nun die alles umfassende Frage, die Paul Stöger stellte.
Björn lachte und antwortete:
„Gerade einmal so viel, dass ich dich zu einem Bier einladen kann.“
Jetzt lachten beide.
Der restliche Abend verlief mit belanglosen Fragen über Fußball und die hohe Politik. Björn beschränkte sich darauf, zuzuhören, denn die Redefreudigkeit seines Gegenübers erleichterte die Angelegenheit.
Das Thema „Dominik Schwedler“ ließ Björn außen vor. Er wollte es langsam angehen, um seinen neuen Freund nicht zu verschrecken.
*****
Karola war indes schon ein großes Stück weiter vorangekommen. Sie und Natascha verbrachten sehr viel Zeit miteinander.
Die teure Geldbörse, welche eine nicht unwesentliche Rolle bei der Annäherung gespielt hatte, war tatsächlich ein Indiz auf Nataschas finanziellen Hintergrund.
Nataschas Eltern waren vermögend. Ihre Firma Import – Export, so die offizielle Bezeichnung, war vermutlich ein Tarnunternehmen für dubiose Geschäfte. So zumindest die Annahme des Verfassungsschutzes.
Das Töchterlein schien darin aber nicht involviert zu sein, denn sie war viel zu sehr damit beschäftigt, Geld unter die Leute zu bringen.
Inzwischen waren Karola und Natascha so vertraut miteinander, dass Karola beschloss, bei einer der vielen Partys, welche Natascha veranstaltete, einen Versuch zu wagen.
„Anfangs fürchtete ich mich, Lars bei dir zu treffen; aber inzwischen würde ich mich sogar freuen, ihn...