Abenteurer aus Überzeugung
Viel hat sich nicht verändert in Koboldend, dem kleinen Ort im Land der Kobolde. Noch immer backt der Bäckerfried Brötchen und Kuchen, werkelt der Schmiedfried in seiner Scheune herum, näht der Schneiderfried alles, was die Kobolde so brauchen. Der Doktorfried verarztet seine Patienten, der Imkerfried schafft frischen Honig herbei und ja, der Braufried süppelt noch immer gern an seinem frisch gebrauten Bier. Wie eh und je frühstückt die Koboldjugend bei der Kobold-Omi. Jeder kennt jeden und nimmt sich Zeit für ein Schwätzchen. Egal, ob nun auf der Wichtigstraße, dem Treppenweg oder auf dem Dorfplatz, etwas zu erzählen gibt es schließlich immer. Und so herrscht schon am frühen Morgen reges Treiben. Die beiden Freunde Nasefried und Ohrefried aber, müssen sich erst einmal den Schlaf aus den Augen reiben. In der vergangenen Nacht haben sie nämlich lange wach gelegen und überlegt, was sie gern einmal unternehmen wollen. „Wir könnten zur Abwechslung all unsere Gedanken einfach mal abschalten“, schlägt Ohrefried dem Freund vor, „du weißt ja, ich hab immer mal wieder Lust zum Nix-Tun.“
„Du bist wohl verrückt, Kumpel. Gibst mit deiner blöden Idee keine Ruhe“, witzelt Nasefried nicht wirklich begeistert. „Ich würde lieber gedankenverreisen. Wir waren schon lange nicht mehr mit Bennfried unterwegs.“
„Auja, das machen wir. Du hast wie immer die besten Ideen. Ich bin freiwillig für die Blaubeer-Pfannkuchen-Beschaffung zuständig. Wenn welche fehlen, backt uns die Kobold-Omi einfach noch einen Stapel. So ist sie halt“, weiß Ohrefried. Zufrieden mit dieser Einteilung lehnt er sich zurück und dreht Däumchen vor seinem leicht dicklichen Bauch. „Die schmecken absolut einzigartig“, bekräftigt er seinen Vorschlag. Währenddessen schickt Nasefried Cousin Bennfried eine gedankliche Nachricht:Bitte so bald wie möglich hier eintreffen. Wir möchten mit dir verreisen! Um dem Gedränge am Frühstückstisch zu entgehen, beginnen die beiden Freunde schon mal ihre Siebensachen zu packen, wie warme, sowie dünne Pullover und natürlich reichlich Proviant. Den stibitzen sie aus Kobold-Omis Speisekammer. Logisch, dass sie ihr das gleich sagen werden, aber eingepackt ist schon mal eingepackt. Als die Kobold-Wuselei in der Küche nachlässt, essen sie rasch ihr Brötchen und was sonst noch so auf dem Tisch liegengeblieben ist. Dann erzählen sie der Omi von ihrem Streifzug durch die Speisekammer und weihen sie in ihren Reiseplan ein. Nun erst, machen sie sich auf den Weg zur Schule. Als sie unter der großen Kastanie angekommen sind, legt Nasefried die Stirn in Falten. „Schade“, murmelt er, „Bennfried kann erst morgen kommen, weil er noch in Skandinavien ist.“
„Wo soll’n das sein? Weiß der überhaupt, wo er sich da herumtreibt?“, mosert Ohrefried.
„Ich denke schon, Freund. Lass uns gleich den Lehrerfried danach fragen.“
„Morjen!“, begrüßt er freundlich und mit einem Augenzwinkern seine zum Teil noch müden Schüler. Dann schickt er sich an, kompliziert aussehende Rechenaufgaben an die Tafel zu schreiben. Ein Seufzen geht durch alle Bänke. Obwohl er ja mit dem Rücken zur Klasse steht, kann er sich die ratlosen Gesichter seiner Lern-Kandidaten gut vorstellen. Mit einem Schmunzeln dreht er sich um und findet seine Vermutung bestätigt. Seinem gutmütigen Herz und dem klugen Lehrer-Verstand haben es seine Schüler zu verdanken, dass er sie fragt: „Na schön, gehen wir es heute anders herum an. Was möchtet ihr, dass wir tun sollen?“
„Wir?“
„Ja, ihr. Wenn ihr wisst, was ihr nicht wollt, solltet ihr zumindest eine Ahnung davon haben, was ihr stattdessen möchtet, oder?“ Der schlaue Nasefried weiß es sofort: „Bennfried ist zurzeit in Skandinavien. Kannst du uns davon erzählen? Ich überlege, warum er wohl dort ist.“
„Hm“, macht der Lehrerfried, während er sich nachdenklich über seinen Bart streicht, „vielleicht will er die Braunbären Schwedens besuchen.“ Bevor einer etwas entgegnen kann, gelingt es ihm zu ergänzen: „Das ist eines der Länder Skandinaviens.“
„Ach so, ich dachte schon, du hättest dich vertan“, gesteht Ohrefried. „Meinst du mit Braunbären, richtige Bären? Mach Dinger, die gibt es dort?“, schiebt er gleich eine Antwort auf seine Frage hinterher. „Aber ja“, freut sich der Lehrer über das plötzliche Interesse am Unterricht – geht doch! Er freut sich, dass er wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hat. „Welche Arten kennt ihr denn?“, will er wissen.
„Eisbären“, platzt Littlefried Acht in die Klasse. Der lernt es wohl nie mit dem Finger aufzuzeigen. „Die haben wir vor nicht allzu langer Zeit in Grönland besucht.“
„Ich hab mal von Grizzly-Bären gelesen“, sagt Nasefried. „Brombeeren und Himbeeren“, werfen zwei Minikobis ein, die sich, anstatt brav in den Kobigarten zu gehen, einfach in eine der freien Schulbänke gemogelt haben. Die Größeren biegen sich vor Lachen. „Wir reden hier von richtigen Bären, klar ihr Knirpse? Welche, die brummen und so laut schnauben können, dass euch die Ohren wackeln würden.“ Beeindruckt halten die Minis ihre Klappe. „Also“, unterbricht der Lehrerfried die Diskussion und hält eines seiner schlauen Bücher in die Höhe. „Skandinavien ist eine Halbinsel, seht ihr?“ Alle Augen suchen und finden das Land, das von der Seite irgendwie aussieht, als sei es ein Tier, das kopfüber in die Tiefe springt. „Wohin es wohl will?“, neckt Ohrefried die Kleineren.
„Keine Ahnung, aber es wird’s schon wissen“, kommt die Antwort. „Die Idee ist gar nicht so schlecht“, meint der Lehrer, „das Vorderbein und der Bauch könnten demnach Schweden darstellen, der Rücken Norwegen und das Hinterbein einen Teil Finnlands. An seinem Popo, um bei eurem Beispiel zu bleiben, ist die skandinavische Halbinsel mit Russland verbunden. Tiefe Meeresarme, Fjorde genannt, zerschneiden Norwegens Küsten. Überall gibt es wald- und seenreiche Gebiete. Im Winter ist es im Norden sehr kalt. Eisregen und Schneestürme sind an der Tagesordnung. Unzählige Felsbrock-Findlinge von der Größe unseres Schulhauses liegen herum. Wilde Flüsse haben sich tief in ihr Bett gewühlt. Auch Dänemark, die Insel Island und die Faröer Inseln gehören zu Skandinavien.“ Gerade als der Lehrerfried Luft holt um weitere geografische Daten zu vermitteln, unterbrechen ihn die Littlefrieds: „Erzähl uns lieber etwas über die Bären.“
„Na schön. Kodiak-Bären sind die Riesen unter den Braunbären. Sie sind die mächtigsten Land-Raubtiere und leben, wie ihr Name schon verrät, auf der Insel Kodiak, sowie auf einigen Eilanden vor der Küste Südalaskas. Braunbären sind Säugetiere, super Schwimmer und Allesfresser. Sie mögen Fleisch, Fische, Vögel, Wurzeln, Insekten, Beeren und lieben Honig.“
„Können die den riechen?“
„Ja, sie haben einen ausgezeichneten Geruchssinn. Ihr Sehen ist dagegen eher mittelprächtig.“
„Solala würde Bennfried dazu sagen“, grinst Ohrefried.
„So ein Bienennest hoch oben im Baum“, berichtet der Lehrerfried weiter, „zieht die braunen Gesellen magisch an. Als gute Kletterer erklimmen die kleinen und heranwachsenden Halbstarken mit Leichtigkeit die begehrte Schleckerei. Ausgewachsene Tiere sind zu schwer, die meisten Äste würden sie nicht tragen können. Also warten sie ab, bis etwas Süßes für sie abfällt, damit auch für sie das Schlemmen losgehen kann. Die meisten Erwachsenen der muskelbepackten Einzelgänger leben in Russland und Nordamerika.“
„Komm auf den Punkt, Lehrerfried, und erzähl uns von dem Land, in dem Bennfried gerade unterwegs ist.“
„Gut“, sagt der klug, blättert ein paar Seiten seines schlauen Buches um und hält eine Zeichnung der Tiere hoch. „So sehen sie aus.“
Neugierig betrachten seine Schüler die abgebildeten Zottel, denen sie leicht ihre Kraft ansehen können. Auf kurzen, kräftigen Beinen sind sie unterwegs. Sie haben große Tatzen mit langen Krallen, die sie nicht einziehen können.“
„Die drehen ihre Fußspitzen ganz schön nach innen“, lacht Ohrefried, „wenn ich das mache, gibt’s was hinter die Löffel. Dabei würd‘ ich so oft stolpern, bis meine Knie blutig verkrustet wären.“
„Guckt euch mal ihre runden, gefütterten Ohren an“, ruft ein Littlefried dazwischen. „Bestimmt, damit die im Winter nicht einfrieren.“ Der Lehrerfried unterdrückt seinen Lacher, der ihm aus der Kehle hopsen will und holt tief Luft: „Auf allen Vieren können Bären blitzschnell rennen. Wittern sie Gefahr, richten sie sich auf, stellen sich auf...