2. EFT: Liebe aus der Sicht der Bindungstheorie
„Sind wir doch, von der Wiege bis zur Bahre, immer dann am zufriedensten, wenn sich unser Leben in Form längerer oder kürzerer Explorationen gestaltet, die von der verlässlichen Basis bedeutsamer Bindungsfiguren aus erfolgen.“
(John Bowlby 2018, S. 48)
In Bezug auf die Probleme unserer Klient*innen müssen wir uns stets drei grundsätzliche Fragen stellen. Ihre Antworten bilden den Rahmen für das Verständnis der beobachteten multidimensionalen Phänomene, und dieser bestimmt den Therapiefokus und die Behandlungsstrategien.
Die drei Fragen lauten:
- Was geschieht hier? Was ist das Problem? Was ist das Ziel der Intervention?
- Was sollte hier geschehen? Was ist gesund? Was ist das Ziel der Behandlung?
- Was muss das Paar tun, um das Problem zu verändern und zu einer gesünderen Beziehung zu gelangen? Wie kann ich diese Veränderung begünstigen?
Wir brauchen zum einen eine Theorie dafür, was ein gesundes Leben ausmacht und wie Probleme auftreten und Störungen verursachen können, und zum anderen eine Theorie für therapeutische Veränderungen. Und da die Klientin in der Paartherapiedie Beziehung ist, brauchen wir auch eine Theorie der Intimität, ein Verständnis vom Wesen der Liebe im Erwachsenenleben. Damit befasst sich dieses Kapitel.
2.1 Die Sichtweise der EFT auf die Liebe zwischen erwachsenen Menschen
Fragen wir unsere Klient*innen nach der Grundlage einer glücklichen Lebenspartnerschaft, werden sie zweifellos mit einem Wort antworten:Liebe. Doch ausgerechnet im Bereich der Paar- und Familientherapie glänzt der Begriff durch Abwesenheit: Liebe ist eine vergessene Variable (Roberts 1992). Paar- und Familientherapie konzentriert sich meist auf Macht, Kontrolle, Autonomie und Konfliktmediation, aber nicht auf Liebe und Zuwendung (Mackay 1996). Daher ist es für die Paartherapie revolutionär, dass die Bindungstheorie neuerdings auch auf Erwachsenenbeziehungen angewandt wird, weil wir so erstmalig einen schlüssigen, relevanten und gut erforschten Verständnis- und Behandlungsrahmen haben (Brassad& Johnson 2016; Johnson, LaFontaine& Dalgleish 2015). Aber die Revolution ist noch viel umfassender: Endlich widmen sich die Wissenschaften den „tiefsten Geheimnissen menschlicher Beziehungen“ (Berscheid 1999, S. 206).
Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie. Sie macht uns klar, wodurch sich das komplexe vielschichtige Drama der unglücklichen engen Beziehung kennzeichnet. Sie liefert uns eine Sprache, mit der wir die individuellen Erfahrungen unserer Klient*innen legitim beschreiben können. Sind die Kennzeichen erst einmal auf der Karte der Beziehungslandschaft eingezeichnet, ist diese überschaubarer und leichter zu bereisen – bis an ihre entferntesten Enden. Mithilfe einer Theorie der Liebe können wir verstehen, was in der Dyade schiefgelaufen ist, und zudem auch die relevanten Behandlungsziele bestimmen sowie die erforderlichen Schritte, um sie zu erreichen. Eine gute Theorie sorgt dafür, dass Interventionen „zielführend“ sind und den Kern der Sache treffen.
Wie lauten die ursprünglich von Bowlby (2006a, 2018) postulierten Grundprinzipien, die dann von Sozialpsycholog*innen und zunehmend auch von Ärzt*innen (Costello 2013; Magnavita& Anchin 2014) weiterentwickelt und auf Erwachsene angewandt wurden (Mikulincer& Shaver 2007)?
2.2 Die zehn Grundprinzipien der Bindungstheorie
1. Bindung ist eine angeborene Triebkraft. Den Kontakt zu Bezugspersonen zu suchen und aufrechtzuerhalten ist eine angeborene, primäre und lebenslange Motivation des Menschen. Folglich ist die in der westlichen Kultur verpönte und pathologisierte Abhängigkeit etwas zutiefst Menschliches und nicht das abzulegende unreife Verhalten eines Kindes. Das, was enge Beziehungen aber vor allem ausma