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Hoffnung stirbt langsam, aber irgendwann stirbt sie. Obwohl längst klar ist, dass Margo versetzt wurde, kann sie sich nicht dazu durchringen, zu gehen. Sie ist Ärztin und weiß genau, wie hartnäckig und verderblich Hoffnung sein kann. Ohne jede Ermutigung, solange sie nicht ausdrücklich widerlegt wird, hält sich Hoffnung weit über den Punkt hinaus, wo sie nützt. Die Geschwindigkeit ihres Sterbens hängt oft vom Grad der Ausgangsinvestition ab.
Sie wartet jetzt seit einer Stunde und vierzig Minuten allein in diesem komisch geschnittenen Raum, horcht auf den Fahrstuhl und starrt die Tür an, will sie dazu bringen, sich zu öffnen und ihr Leben zu verändern. Sie ist hergekommen, um zum ersten Mal ihre Ursprungsfamilie zu treffen. Allerdings nicht ihre leibliche Mutter, denn es hat sich herausgestellt, dass Susan schon vor langer Zeit gestorben ist. Wie, das stand nicht in den Kontaktbriefen, aber Margo muss es unbedingt wissen. Sie ist Ärztin. Sie ist schwanger und hat Angst vor ihrem genetischen Erbe. Sie ahnt Schlimmes.
Sie ist nicht objektiv. Sie hätte nicht herkommen sollen. Sie hätte sich besser vorsehen müssen.
Die leibliche Familie ist sehr spät dran. Insgeheim weiß Margo, dass wahrscheinlich niemand mehr kommt, aber sie versucht, nicht sauer zu werden. Sie klammert sich noch an die abwegige Möglichkeit, dass die Verspätung einen guten Grund hat – ein Zugunglück oder eine stehengebliebene Armbanduhr, als gäbe es so etwas noch. Sollte die Person doch noch und unverschuldet zu spät kommen, möchte sie nicht, dass das Treffen in einen Streit über Pünktlichkeit ausartet. Es gibt Fragen, auf die sie Antworten braucht.
Sie wartet in einem Raum ganz oben in einem alten Bürogebäude im Herzen von Glasgow, gleich beim George Square. Es ist heiß hier und es riecht komisch, als ob in der Bausubstanz des Gebäudes irgendwas verrottet. Die Leute von der Adoptionsagentur haben versucht, den Raum heimelig zu machen, aber die Möbel sind billig und wirken seltsam unheilvoll, wie die Tatortrekonstruktion eines Familienwohnzimmers, in dem etwas Grässliches geschehen ist. Es gibt ein durchgesessenes Sofa mit niedriger Rückenlehne, einen Couchtisch mit einer Schachtel Papiertaschentücher darauf und einen Esszimmerstuhl. Außerdem ein Ikea-Regal mit zerfledderten Kinderbüchern und einem klebrigen Hippo-Flipp-Spiel, bei dem die Murmeln fehlen. Sie ist schon so lange hier, dass sie nachgesehen hat.
Auch der Schnitt des Raums stört sie. Er ist quadratisch mit einer niedrigen Decke aus Glasquadraten, die mit weißer Farbe blickdicht zugestrichen sind. Sie vermutet, dass das Gebäude entkernt und modernisiert wurde und dies hier mal der oberste Absatz eines herrschaftlichen alten Treppenhauses war, dass sie unter dem ehemaligen Oberlicht sitzt. Wenn sie daran denkt, spürt sie den Abgrund unter sich und ihre Schienbeine kribbeln, wie eine Erinnerung an einen Sturz.
Margo hat die Briefe von Nikki ganz unten in einer Schublade im Nachttisch ihrer Mutter versteckt gefunden. Beim ersten lag das Datum schon mehrere Jahre zurück, beim letzten erst ein paar Monate. Sie waren an Margo gerichtet, unter Janettes Adresse, und Margo wurde gebeten, doch bitte zu antworten. Nikki schrieb, sie müsse sie unbedingt sprechen, denn sie brauche bei etwas dringend Margos Hilfe.
Janette lag im Sterben und