Wir leben in paradoxen Zeiten. Objektiv gesehen haben sich die Lebensumstände in den allermeisten Regionen der Welt während des letzten halben Jahrhunderts deutlich gebessert. Die Lebenserwartung ist gestiegen, die Gesundheitssysteme sind leistungsfähiger. Kaum jemand muss noch Hunger leiden oder stürzt bei Erwerbsunfähigkeit in absolutes Elend. Die schwere körperliche Arbeit wurde uns von den Maschinen abgenommen – sowohl in der Erwerbs- als auch in der Hausarbeit. Wo im 19. Jahrhundert Arbeiter noch zwölf Stunden am Tag in der Fabrik, auf dem Feld oder im Bergbau schufteten, ist der Acht-Stunden-Tag mit vorwiegend sitzender Tätigkeit heute die Regel. Wo im Haushalt vor 100 Jahren noch ein ganzer Wochentag als Waschtag eingeplant war, erledigen diese Arbeit heute Waschmaschine und Trockner fast schon nebenbei. Trotzdem erleben viele Menschen ihr Dasein offensichtlich als immer stressiger. Das zumindest belegen repräsentative Umfragen. Laut einer von der Techniker Krankenkasse beauftragten Studie empfinden sich acht von zehn Deutsche als stressbelastet. Jeder dritte leidet gar an Dauerstress. Da diese Umfragen regelmäßig wiederholt werden, lässt sich auch ein Verlauf ermitteln. Verglichen mit 2013 war bereits 2016 die subjektive Stressbelastung um vier Prozent angestiegen – und da gab es Corona noch gar nicht.1
Stress ist vor allem auch deshalb ein Problem, weil er zu Folgeerkrankungen führt. Das sind zum einen körperliche Beschwerden wie chronische Rückenschmerzen, Arteriosklerose, Atemwegserkrankungen oder das Reizdarmsyndrom. Dazu zählen aber auch psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-out. Letztere werden immer mehr zu einer weltweiten Epidemie. Allein in Deutschland führen sie zu zwölf Prozent aller Krankschreibungen. Aktuell leiden fünf bis sieben Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung an Depressionen. Das sind über vier Millionen Bundesbürger. Depressionen sind nicht nur mit großem individuellen Leid verbunden. Sie führen auch zu hohen sozioökonomischen Belastungen. Zählt man die Kosten für diagnostische Maßnahmen, Therapien einschließlich Psychotherapien, Arzneimittelverordnungen, krankheitsbedingten Arbeitsausfall und Frühberentungen zusammen, kommt man in Deutschland auf einen ökonomischen Gesamtverlust, der sich auf 79 Milliarden Euro pro Jahr beläuft.2 Damit sind die Kosten höher als für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes zusammen. Sicherlich können Depressionen ganz unterschiedliche Ursachen haben – zum Beispiel genetische. Die überragende Rolle, die eine chronische Stressbelastung dabei spielt, ist aber inzwischen unbestritten. Die Studienlage zeichnet da ein eindeutiges Bild: Je stärker die subjektive Stressbelastung, desto häufiger sind psychische Folgeschäden. Der Befund ist klar: Stress macht krank und Stress macht alt. Grund genug also, ihm in diesem Buch ein eigenes Kapitel zu widmen. Doch wenn wir von dem krankmachenden Stress reden, ist es wichtig, auf eines hinzuweisen: So dramatisch die oben genannten Zahlen auch sind, Stress ist nicht nur negativ. Hier bedarf es definitiv einer kleinen Imagekorrektur. In Maßen kann Stress sogar gesundheitsfördernd sein.