: Tanja Bern
: Schattenhauch
: Ashera Verlag
: 9783948592561
: 1
: CHF 6.20
:
: Science Fiction
: German
: 300
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die siebzehnjährige Amelie ist einer der wenigen übrig gebliebenen Menschen einer veränderten Welt. Umringt von riesigen Festungswällen führen sie und die anderen Dorfbewohner ein einfaches naturverbundenes Leben ohne Strom, Gas und allem, was seit der zerstörerischen Chemiekatastrophe von vor dreißig Jahren vernichtet wurde. Amelie kennt es nicht anders, sie ist glücklich. Mögen da draußen im undurchdringlichen Urwald die Schatten lauern, sie weiß, dass ihr nichts passieren kann, so lange sie hinter den Barrieren bleibt. Aber dann geschieht etwas, was sie zum Verlassen des Dorfes zwingt. Und zwar ausgerechnet mit dem Jungen an ihrer Seite, den man einst in den düsteren Wäldern gefunden hat ...

Tanja Bern lebt mit ihrer Familie in Gelsenkirchen und ist dem Ruhrgebiet immer treu geblieben. Sie liebt die nordischen Länder und verweilt gerne am Meer oder im Wald, was sich in ihren Büchern widerspiegelt. Ihr Debüt wurde 2008 veröffentlicht. Seitdem arbeitet die Autorin in unterschiedlichen Genres. Die Romance ist dabei ein fester Bestandteil ihrer Geschichten, die oft phantastisch oder historisch sind.

Prolog


 

Mit gerafften Röcken lief Ella Halwis zu der Lichtung, an der drei Sommerlinden ihre Zweige ausstreckten. Der Wind rauschte in den Blättern der hohen Bäume und die Sonne schickte gesprenkelte Schattenflecken auf den vermoosten Boden. Vereinzelte Strähnen ihres Haares lösten sich immer mehr aus der hochgesteckten Frisur und tanzten um ihr Gesicht. Ella schirmte mit der Hand ihre Augen gegen die Helligkeit ab und blinzelte nach oben. Keine Lindenblüten wehten im Wind. Nichts Weißes blitzte mehr zwischen dem Grün, ihr blumiger Geruch war nur noch eine Erinnerung. Enttäuscht senkte sie den Kopf.

Das Fieber grassierte nun seit einer Woche und Hilflosigkeit schlich sich in ihr Herz. Grippewellen tauchten von Zeit zu Zeit auf, aber diese hier wog schwerer als die anderen Infekte. Das Einzige, was den Kindern wirklich guttat, war ihr Lindenblütentee. Er senkte das Fieber und trieb die Krankheit aus dem Körper. Doch Ellas Vorrat war erschöpft. Der übrig gebliebene Tee reichte höchstens noch für drei oder vier Tassen, mittlerweile lagen aber sieben Kinder in ihren Betten und fieberten. Voller Sorge ging sie in die kleine Praxis von Viktor Storm, die sich abseits des Dorfes neben seinem Haus befand.

Der Arzt richtete gerade den Spiegel seines Mikroskops ein, damit das Tageslicht vom Objektiv aufgefangen werden konnte. Konzentriert schaute er in das Okular, drehte vorsichtig an den verschiedenen Einstellungsrädchen. Als er hörte, wie Ella die Tür schloss, sah er auf. Sein ergrautes Haar war zerzaust und er fuhr sich eher unbewusst durch den Bart.

»Gut, dass du da bist. Ich prüfe gerade die Probe, die du mir gegeben hast.«

»Ist es das Chemiefieber?«, fragte Ella leise und spürte, wie sich die Angst einen Weg in ihre Sinne bahnte.

»Nein, nur eine Grippe. Das Wasser ist hier völlig ohne Chemikalien. Sorge dich nicht.«

Ella legte ihre Hand auf Viktors Schulter. »Viktor, du solltest nicht nur durch deine Linsen schauen, sondern auch mal die lebenden Objekte betrachten. Wir haben das Fieber nicht im Griff.«

Der Arzt runzelte besorgt die Stirn. »Betrifft es auch Erwachsene?«

Ella schüttelte den Kopf.

Er stand auf und durchquerte die Praxis. »Aber es ist eine Grippe. Vielleicht ein sehr hartnäckiges Virus.«

Ella überlegte, ob der Arzt noch einen Notvorrat von dem alten Grippemittel besaß, aber ihre Hoffnung war trügerisch. Penicillin konnten sie zwar mittlerweile auf natürliche Weise selbst herstellen, doch das half nichts gegen Viren. Und an chemische Versuche wagte sich schon lange niemand mehr.

Viktor ignorierte seinen Medizinschrank und steuerte das Bücherregal an. Er holte eines seiner Fachbücher heraus, blätterte darin und zeigte ihr das Bild einer Heilpflanze.

Ella begegnete seinem triumphierenden Blick und verdrehte die Augen.

»Was denn? Das sind Lindenblüten! Daraus …«

»Viktor … was glaubst du, was ich den Kindern seit Tagen verabreiche, damit ihr Fieber sinkt? Aber ich habe nichts mehr.«

Er blinzelte, nahm die Lesebrille ab und putz