DER TOD - „TRENNUNG VON SEELE UND LEIB“?
Karl Rahner befasst sich mit dieser traditionellen Wesensbeschreibung des Todes im Rahmen seiner verschiedenen Beiträge zu einer Theologie des Todes, vorab und programmatisch bereits in seiner gleichnamigen, tiefsinnig-schwierigen Quaestio disputata (1958). Er bezeichnet diese als Vorstoß „in ein nur undeutlich bekanntes Gebiet“.1 Warum ist dieser Themenbereich „nur undeutlich bekannt“, und was gab überhaupt den Anstoß für Rahners „Vorstöße“ in diese terra incognita?
Nun, unleugbar in dieser Todesdefinition enthalten ist die Vorstellung von einer „unsterblichen“ Seele, „wobei schon im Terminus ,unsterblich ' die Voraussetzung miteinfließt, nur der Leib sterbe, nicht eigentlich der Mensch; es sterbe also das ,Sterbliche' vom ,Unsterblichen' weg“.2 Die christlichen Theologen haben schon früh die Unschärfe, ja das Ungenügen dieser Definition empfunden, weil diese trotz mancher Vorbehalte klassisch gewordene Vorstellung vom Wesen des Todes wichtige Glaubensinhalte unterzubelichten, ja zu entstellen scheint.
A.Das traditionelle Verständnis des Todes
a) Platon
Für Festlegung und Zuordnung der Begriffe „Seele“, „Leib“, „Trennung“ finden wir bei Platon die folgende hypothetische Formulierung:
„ό θάνατος τυγχάνει ὤν ... ούδέν άλλο ή δυοίν πραγμάτοιν διάλυσις, τής ψυχῆς καὶ τοῦ σώματος άπ’ άλλήλοιν“3
Im klassischen Griechisch entspricht το πράγμα der lateinischen „res“ und bezeichnet einfach eine Sache oder ein Ding.4
Die zitierte Todesauffassung enthält mithin eine dinghafte Vorstellung von Seele und Leib. Nicht so einfach zu fassen ist διάλυσις, bei anderer Gelegenheit heißt der Tod ,,λύσις και χωρισμός ψυχής άπό σώματος “.5 Keineswegs handelt es sich hier um banale Synonyma. Am häufigsten spricht Platon substantivisch von άπαλλαγή oder verbal von άπαλλάττεσθαι“ bzw. „ή ψυχή άπό τοῦ σώματος άπαλλαγεῐσα“.6
Eindeutig ist nun aber der Primärsinn von ἀπαλλαγή / άπαλλάθεσθαι dieErlösung oderErrettung.
Die übliche Übersetzung „Trennung“ wird dem platonischen Wortsinn nicht gerecht, zumal Platon diesen wiederholt akzentuiert als κάθαρσις der Seele.7
Mit dieser Kennzeichnung bringt er bewusst einen aktiv-ethischen Zug in die Todesvorstellung. Nicht allein um die Überwindung der Gefangenschaft der Seele im Leib8 geht es, sondern auch um die Überwindung eines wesensfremden Lebensvollzugs der Seele, der als φίλο-σώματος (bzw σωματοειδής) umschrieben wird9. Eine Seele, die sich den Begierden des Leibes ergeben hat, gilt als μεμιασμένη καὶ ἀκάθαρτος.10 Die Seele, auf Erden demnach in einem reatus culpae et poenae lebend (vgl. Kratylos 400c), kann somit nur erlöst werden durch ein philosophisches Verhalten, durch Streben nach dem Ewig-Unsterblichen, auch τὸ καθαρόν genannt.11
Die folgende Erläuterung bezeichnet die aktive und die passive Komponente des Sterbens: „Οὔτως, ώς ἒοικεν, έγγυτάτω έσόμεθα τού είδέναι, έάν ὃτι μάλιστα μηδέν όμιλώμεν τῷ σώματι μηδέ κοινονῶμεν ... ἒως ἂν ό θεός άπολύση ήμάς. Καὶ οὔτω μἐν καθαροἰ άπαλλατόμενοι τής τοῦ σώματος άφροσύνης, ώς ... γνωσόμεθα δι"ήμῶν αύτῶν παν τὸ ειλικρινές. Τοῦτο δ’έστίν ίσως τὸ ἀληθές.12
Diese Anschauung beruht auf der Überzeugung, dass die Seele dem Idealen (μονοειδές) und Ewigen (άεὶ öv) kongenial (συγγενής13) und folglich selbst άθάνατος14 ist. Nicht wenige Indizien weisen nun darauf hin, dass Platons Reflexionen über den Tod im Bezugsfeld orphischer Mystik stehen.15 In diesem Zusammenhang sind die Gerichtsmythen16 von zentraler Bedeutung. Sie erhellen die Auffassung vom Tod als „Umzug“ oder „Hauswechsel“ der Seele: μετοίκησις του τόπου του ένθένθε είς άλλον τόπον.17 Die gereinigten Seelen aber dürfen für das Leben nach dem Tod erwarten: Τούτων δέ αύτῶν οί φιλοσοφία ίκανῶς καθηράμενοι ἂνευ τε σωμάτων ζῶσι τὸ παράπαν είς τον έπειτα χρόνον, wobei σώμα hier auch alle irdischen Verfehlungen bis hin zum Mord einschließt.18
Wir müssen hier abbrechen. Festzuhalten wäre das ethisch-religiöse Anliegen, das Platon zur Auffassung des Todes als Erlösung der Seele aus einem konkupiszenten, leiblich-irdischen Dasein führt.
Das seltener verwendete Wort „Trennung“ ist, wo es auftaucht, auf dem Hintergrund der Metaphysik des ΧΩΡΙΣΜΟΣ zu lesen.
Dieser ethisch-religiöse Hintergrund des platonischen Denkens ließ die Kirchenväter erkennen: „Nulli nobis quam isti [platonici] propius accesserunt“.19 Mit dem Stichwort ,,Leibfeindlichkeit“ wird man Platon nicht gerecht. Wenn die christliche Theologie seine Vorstellung vom Tode übernahm (in modifizierter Form), dann schwang meist ungesagt Platons religiöse Vision in bestimmender Weise mit. Die christliche Kritik an Platon entzündet sich nicht rein formal am „Dualismus“ (wie uns dieterribles simplificateurs immer einreden wollen), sondern an der Kardinalfrage, ob der Mensch seine Erlösung, sein Heil, die Gemeinschaft mit Gott nur jenseits dieser Welt oder vielmehr durch diese Welt hindurch erreichen wird. Diese Frage erreicht ihre entscheidende Dichte im Todesproblem. Die patristische Theologie bekam (proximi causa platonicorum accessus!) dieses hintergründige Problem nur unzureichend in den Griff mit der Folge, dass die christliche Kritik vor allem an...