BESUCH IM BEICHTSTUHL
Wieder da.
Dieselbe Kirche. Derselbe Beichtstuhl.
Der Platz des Priesters.
Ich schließe die Augen und lehne mich zurück, streiche mit der Hand über den roten Samt, atme den Geruch von altem Holz und Weihrauch.
Alles wie vor einem Jahr – nur dass der Franz jetzt selig ruht.
Oder auch unselig, säuselt die Alex.
Überrascht öffne ich die Augen.
Seit einer Woche bin ich jetzt Witwe. Bis zur Beerdigung am Freitag war so viel zu tun, dass ich gar nicht zum Nachdenken gekommen bin. Dann die Trauerfeier, die vielen Leute, alle haben auf mich eingeredet. Aber gestern Morgen bin ich aufgewacht mit dieser aufdringlichen Stille im Kopf. Verwirrt habe ich in mich hineingelauscht.
›Alex?‹
Nichts.
›Alexandra, sag doch was!‹
Nichts.
›Wahrscheinlich ist sie einfach nur beleidigt, wegen was auch immer‹, habe ich schließlich gedacht. Das wäre jedenfalls nicht das erste Mal.
Die Alex ist schon ziemlich lange bei mir. Seit der Sache mit dem Wilfried, genau genommen, da bin ich acht gewesen. Ja, kurz nach dem überraschenden und nicht ganz freiwilligen Ableben meines Stiefvaters ist da plötzlich diese Stimme in meinem Kopf gewesen – und nie wieder weggegangen. Irgendwann, vielleicht mit zwölf oder dreizehn, habe ich es aufgegeben, sie zu ignorieren oder zu verscheuchen und ihr stattdessen einen Namen gegeben: Alexandra. Weil das so exotisch klingt – jedenfalls nicht so schüchtern und brav wie Anna. Und bei der Kurzform Alex kann man sogar an einen Jungen denken, einen richtig frechen und draufgängerischen Kerl, der sich so schnell vor nichts fürchtet. Ein Spielgefährte und Beschützer, einer, der weiß, wo’s lang