Ich will endlich aus diesem Albtraum erwachen, dachte Dex, froh, heute nicht persönlich in der unterirdischen Arena Dienst schieben zu müssen so wie Byron, auf den er ungeduldig wartete. Das grausame Schauspiel war auch von ihrer Wohneinheit aus schwer genug zu ertragen.
Nervös lief Dex vor dem Screener auf und ab und verfolgte mit einem Auge die brutale Show. Der Gewandelte, der auf dem Kampfplatz einen etwa dreißigjährigen Mann in die Ecke trieb, war einmal sein Waffenbruder gewesen, ein Warrior. Doch nun war Kjartan bloß noch ein von den Hohen gesteuerter Roboter. Er trug lediglich einen Lendenschurz und sah aus wie ein Wilder. Das braune Haar hing ihm in verfilzten Strähnen über die breiten Schultern; sein blutverschmierter, muskulöser Körper glänzte vor Schweiß. Brüllend verfolgte Kjartan den kräftigen Minenarbeiter, der gegen den massigen Warrior dennoch wie ein Hänfling wirkte.
Die Hohen hatten dem Opfer gnädigerweise seine lange Hose gelassen, denn nicht selten kam es vor, dass die Verurteilten nackt in die Arena geschickt wurden, besonders Frauen. Was die Gewandelten mit den »Gesetzlosen« anstellten, war an Grausamkeit kaum zu überbieten. Doch Kjartan war, genau wie alle anderen Gewandelten, nicht länger fähig, selbst zu entscheiden. Er machte nur noch, was ihm befohlen wurde.
Der nach Gnade flehende Arbeiter presste sich seine blutende Hand gegen die Brust und kauerte sich weinend an die Felswand der Arena. Er wusste, dass er gegen Kjartan keine Chancen hatte. Falls der Verurteilte kämpfte und gewann, wäre er frei. Doch noch nie hatte es ein gewöhnlicher Mensch geschafft, mit bloßen Händen einen Warrior zu besiegen. Nun hoffte der Mann auf das Erbarmen der Hohen. Aber die hatten in all den Jahrzehnten erst einmal jemanden begnadigt: einen Arzt.
Der Minenarbeiter war leichter ersetzbar.
Die sechs Hohen und ihr Vorsitzender Mortimer Price waren nicht persönlich anwesend, sondern in der Arena auf Bildschirmen zu sehen, die über den fünfhundert Zuschauern in der Felskuppel aufgehängt waren. Mit stoischer Ruhe verfolgten die in Weiß gekleideten Frauen und Männer von ihrer gesicherten Etage aus die Show.
Feiglinge …
Als die Menge anfeuernd im Rhythmus klatschte, ließ Kjartan mit präziser Brutalität die Faust auf den Kopf des Arbeiters niedersausen und spaltete ihm den Schädel. Es war vorbei, die arme Seele endlich von ihrem Leid erlöst. Kjartan hatte dem Mann zuvor bereits zwei Finger ausgerissen, nur um das Volk zu amüsieren.
Einige aus dem Publikum schnappten nach Luft, andere schlossen kopfschüttelnd die Augen oder weinten. Doch der Großteil grölte und liebte »Blut und Spiele«, auch wenn jeder die Show im Grunde fürchtete. Niemand wollte auf diese Weise enden. Deshalb hielten sich die meisten streng an die Gesetze und Regeln.
Unbelehrbare Bürger landeten in der Arena. Ungehorsame Warrior wurden je nach Schwere ihres Regelbruches spätestens nach der dritten Verwarnung einer Gehirnwäsche unterzogen – oder was auch immer es war, das aus einem Soldaten ein Monster machte.
Dex hatte eine Höllenangst, dass er oder Byron gewandelt wurden. Sein Partner schob gerade Dienst in der Arena und musste das Volk im Zaum halten. Dex hatte ihn ein paar Mal kurz auf dem Monitor erblickt. Sein Hauptaugenmerk galt heute jedoch der Sporttasche, die neben seinem Sessel stand. Dex hoffte, dass Byron nicht durchdrehte, wenn er ihm gleich sein Vorhaben unterbreitete.
Er wird mich dafür hassen, dachte er zerknirscht. Aber wenn er seinen Gefährten eingeweiht hätte, bevor Dex das Zeug gestohlen hätte, wäre der niemals damit einverstanden gewesen. Byron akzeptierte sein Leben in der Bergfestung und hielt sich an die Regeln. Doch Dex hatte schon zwei »Verwarnungen« hinter sich, weshalb er heute auch nicht in der Arena arbeitete. Er war degradiert worden und musste nun die Minenarbeiter beaufsichtigen. Nur nicht mehr diese arme Seele, die gerade hingerichtet wurde. Dabei hatte der Mann wegen einer Verletzung an der Hand lediglich sein tägliches Arbeitspensum nicht mehr geschafft. Das wusste Dex genau, weil er ihn schließlich bewacht hatte. Die Hohen behaupteten, der Arbeiter hätte wertvolle Erze gestohlen.
Wer als Warrior nicht spurte, bekam keine Vital-Ampullen – ohne die ein Soldat spätestens nach einer Woche starb. Die Auswirkungen einer verpassten Dosis waren höllisch. Am zweiten Tag ohne Injektion reagierte der Körper bereits mit Fieber, am dritten Tag kamen Halluzinationen und heftige Schmerzen dazu. Erst wenn der Verwarnte genug gelitten hatte und die Hohen um Entschuldigung bat, erhielt er die erlösende Spritze.
Zum wiederholten Mal war Dex bereits durch diese Hölle gegangen und hatte nur um Gnade gebettelt, weil Byron seinen Tod nicht verwinden würde. All die Pein hatte Dex’ Einstellung zum Regime kein bisschen verändert, im Gegenteil. Er hasste es unendlich. Noch mehr ärgerte ihn jedoch Byrons Sturheit! Warum wollte der Kerl nicht einsehen, dass sie hier kein lebenswertes Dasein führten? Und glaubte er immer noch, die Hohen würden nur echte Verbrecher bestrafen?
Dex war sich sicher, dass die grausamen Spiele ebenfalls dazu dienten, den Bevölkerungszuwachs in Schach zu halten.
Dex erschauderte. Sollte er einen weiteren Regelverstoß begehen, blieb nur noch die »Wandlung«, das hatten ihm die Hohen angedroht. Ein Warrior wurde niemals in der Arena einem Gewandelten zum Fraß vorgeworfen oder dem Kreislauf zugeführt – die Asche der Verstorbenen wurde auf den Plantagen als Dünger verstreut –, denn dazu waren sie zu wertvoll. Im Grunde war ein Gewandelter für die Hohen sogar noch nützlicher als ein frei denkender Supersoldat, denn die privilegierten Bastarde konnten ihnen dann mühelos ihren Willen