Prolog
Dawn
2013 – Campus des Art Colleges in Melbourne
»Sind wir hier auf der High School, oder was?«, fragte Vany genervt. Sie hatte recht. Wenn man das Verhalten einiger Studenten betrachtete, war die Frage alles andere als abwegig.
Das galt besonders für Wasserstoffblondchen Lolita, die gerade mit ihren Anhängerinnen an unserem Tisch vorbeistolzierte und die Nase rümpfte, als wären wir Verwandte der australischen Küchenschabe.
»Vergiss die Tussis«, sagte ich zu Vany und rührte meinen Drink energisch um, der zu gefühlt neunzig Prozent aus Eiswürfeln bestand. Jedem Außenstehendem musste klar sein, das Gehabe ging auch mir gehörig gegen den Strich. Lolita und Co machten nämlich keinen Hehl daraus, dass sie unsereins für fehl am Platz auf diesem ehrwürdigen College hielten, auch wenn sie es in erster Linie auf mich abgesehen hatten. Ich war nämlich weder mit außergewöhnlicher Schönheit, teurer Garderobe, noch dem nötigen Kleingeld ausgestattet, um die ersten beiden Punkte zu beheben. Nicht dass ich es gewollt hätte, wenn ich es mir hätte leisten können, war ich doch mit mir zufrieden, wie ich war. Aber so ging es offenbar nicht jedem. Augenrollend warf ich einen Blick zu dem Prinzessinnentrio, das es sich an der Bar unweit entfernt gemütlich machte. Neben diesen Ladys wirkten Nicole Richie und Paris Hilton wie lammfromme Musterschülerinnen.
»Hast recht, lass uns den Abend genießen«, sagte Vany, die zwar auch zur Riege der Reichen und Schönen zählte, aber total authentisch und eine echt gute Freundin geworden war.
Die Bar auf dem Campus des Art Colleges hatte sich in einen Club verwandelt. Es fehlten nur Discokugeln und Schwarzlicht, aber das wäre vielleicht zu sehr Neunziger. Wobei die ja wieder im Kommen waren. Zumindest was die Schuhe anging. Vany hatte sich selbstredend in Schale geworfen, ihre Plateauschuhe waren der Knaller. Und das Leopardenmuster ihres Kleids – auch sehr Neunziger. Aber heiß.
»O mein Gott, da ist Marc«, quiekte Vany plötzlich und drückte meine Hände, die vor mir auf dem runden Glastischchen lagen und mit denen ich gerade nach meinem Moscow Mule hatte greifen wollen.
»Er ist wirklich gekommen!« Sie strahlte mich an wie ein Honigkuchenpferd. Keine Ahnung, wie sie das machte, aber ihre Augen funkelten bei Marcs, zugegebenermaßen recht ansehnlichem, Anblick wie zwei dunkle Quarzkristalle.
Das Bangen und Hoffen, dass Marc Gellar keine Party ausließ, hatte nach nur zwei Stunden ein glückliches Ende gefunden. Endlich war der Sonnyboy hier – wurde ja auch Zeit. Collegepartys waren nicht meine Welt. Zu viel Küsschen hier, Küsschen da und Melbourner-Oberschicht-Geprotze. Hätte mich Vanessa vorhin am Handy, kurz nach meinem Yogakurs zum Ermäßigungstarif, nicht so hartnäckig bearbeitet, wäre ich gar nicht hier, sondern würde an meinem Entwurf feilen.
»Komm bitte mit zu der Feier. Falls Marc auftaucht, brauche ich dich!«, hatte Vany gesagt. »Das Semester ist doch fast vorbei, ein bisschen Spaß haben wir uns verdient!«
Und ihr liebstes Argument, das ich gefühlt zweimal täglich zu hören bekam, da wir uns ein Zimmer im Wohnheim teilten: »Du musst mehr unter die Leute kommen. Lernen und Arbeiten ist nicht alles auf der Welt!«
Doch, in meinem Fall schon. Und das wusste Vany eigentlich auch. Ich hatte keine wohlhabenden Eltern wie die meisten anderen hier. Aufs Art College in Melbourne, eine Elitehochschule, gingen die reichsten Studenten des Landes – und etwa fünf Prozent Normalsterbliche, denen ein internes Komitee Talent bescheinigt hatte. Ich gehörte zu Letzteren und hatte mich durch eine aufwendige Prüfung inklusive Probeentwürfen, schriftlichem Essay und Vorstellungsgespräch gequält, um überhaupt in dem altehrwürdigen Haus nahe des Yarra Rivers für den Studiengang Art Jewelry zugelassen und Schmuckdesignerin zu werden.
Das Semester kostete, neben einer immensen Aufnahmegebühr, die ich mir durch besagte Prüfung erspart hatte, im Jahr an die zehntausend Australische Dollar. Leute wie Vanessa oder Marc bezahlten das von ihrem Taschengeld, das ihre Familien auf dicke Konten überwiesen.
Ich musste es mir verdienen, arbeitete nebenbei als Kellnerin und im Supermarkt als Lagerarbeiterin. Aber ich wollte mich nicht beschweren, ich hatte die Möglichkeit, an einem der besten Art Colleges Australiens zu studieren. Hierhin hatte ich immer gewollt! Das ließ ich mir auch nicht von den Lolitas dieser Welt verderben.
Und vielleicht hatte Vany auch recht, dass ich, entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, mal fünfe gerade sein lassen und mich unter die Leute mischen sollte. Mit dem Mule war es ja auch halbwegs erträglich. Jetzt ließ Vany endlich meine Finger los, und ich konnte einen kräftigen Schluck zu mir nehmen. Himmel, ich konnte noch Sekunden später Vanys Handabdrücke auf meiner Haut sehen. Sie musste wirklich neben der Spur sein.
»Er hat mir zugenickt!«, rief sie, und es fehlte nur noch, dass sie wie ein Huhn gackernd im Kreis rannte.
Schmachtend sah sie zu Marc rüber, einem fleischgewordenem Everybody’s Darling im Armani-Anzug und mit Haaren, die er absichtlich unordentlich gestylt hatte. Ich wusste, Vany war völlig und bedingungslos verschossen in ihn. So sehr, dass sie mir leidtat, denn sie kannte kaum noch ein anderes Thema.
»Er sieht so was von süß aus«, raunte sie mir laut genug zu, dass ich sie trotz des hohen Geräuschpegels um uns herum noch verstand.
Aus den Boxen drang Get lucky von Daft Punk, Pharrell Williams und Nile Rodgers, und alle um uns herum schienen eine gute Zeit zu haben.
»Heute oder nie«, hatte Vany mir vorhin am Telefon verkündet. »Und sollte ich mich davor drücken, ihn auch nur anzusprechen, schleifst du mich bitte zu ihm hin. Ich werde heute mit Marc Gellar schlafen.«
Marc hatte eventuell noch ein Wörtchen mitzureden, aber Vany war absolut überzeugt, ihn um den Finger zu wickeln, sofern sie den Mut aufbrachte, den ersten Schritt zu wagen. Und nun war er hier und ich entschlossen und bereit, meiner Freundin beizustehen.
Aber ich merkte schnell: Sie brauchte mich gar nicht. Festen Schrittes ging sie zu ihm. Das Selbstbewusstsein in Person, worum ich sie – ich gab es zu – beneidete. Manchmal musste Vany nur einen Schalter umlegen, und plötzlich strahlte sie sowohl äußerlich als auch von innen. Man musste es ihr lassen, sie zog es wirklich durch. Ich beobachtete, wie sie Marc ansprach, einfach so, und schon vertieften sie sich in ein Gespräch. Lief wie Butter in der Wüstensonne.
Unauffällig beobachtete ich die beiden. Nicht, dass ich mir irgendeine Taktik abgucken wollte, mit zwei Jobs und Studium hatte ich keine Zeit für eine Beziehung. Aber wenn ich nachts in meinem Bett lag und Vany längst nebenan schlief, fühlte ich mich, auch wenn ich es ungern zugab, oft einsam. Melbourne war nicht Sydney. Und sowohl das bisherige Collegeleben als auch der Start ins erste Semester waren anders verlaufen, als ich es mir je vorgestellt hätte. Um es direkter zu sagen: Ich war nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden. Mein Blick wanderte zu der Gruppe von Studentinnen rund um Lolita an der Bar, die mich ungeniert anstarrten, lachten und die Köpfe zusammensteckten, nur um erneut zu lachen. Ich sah an mir runter. War was mit meinem Outfit nicht okay? Klar, war kein Gucci. Schon traurig, wenn das das Wichtigste im Leben war.
Ich starrte auf meinen Cocktail und versuchte, die anderen zu ignorieren. Trotz der aufgedrehten Bässe, bildete ich mir ein, ihr Lachen immer noch zu hören.
Also schloss ich die Augen. Nein, mein Leben hier verlief wirklich nicht, wie ich es mir erträumt hatte. Und ohne Vany spürte ich wieder dieses unangenehme Gefühl, auf mich gestellt zu sein, und vermisste meine Familie in Sydney nur noch mehr. Dad, meine große Schwester Hope und ihre Kids …
»Du wirst das Art College rocken«, hatte Hope mir vor der Abreise gesagt. Wenn sie nur wüsste … Aber ich...