„Darling, ich gebe eine Malstunde.“ Poppy Dayton war schon am Ausgang, ihre glockenhelle Stimme konkurrierte mit der Türschelle. „Nimmst du bitte die Post an?“
„Werden wieder bloß Rechnungen sein“, brummte ihr Barney hinterher. „Aber ich erwarte einen Interessenten für die Defoe-Erstausgabe, drück die Daumen!“
„Mach ich! – Verkauf nicht unter fünftausend!“, rief Poppy und warf ihm eine Kusshand zu. Sie eilte die Marylebone High Street hinauf in Richtung Madame Tussauds. Gleich dahinter, am Allsop Place, wartete Liu auf sie, die Tochter aus dem Haus reicher chinesischer Kaufleute, der sie seit einem halben Jahr Zeichenunterricht gab.
Poppy dachte an ihren Laden – „Bromley Books& Art“ litt an seiner ausgezeichneten Lage. Die Miete, astronomisch, wie alles in der Londoner City, war gerade wieder erhöht worden. Die Geschäfte liefen eigentlich gut, aber der Internethandel hatte die Preise für antiquarische Bücher einbrechen lassen. Nur für besondere Exemplare ließen sich noch angemessene Erlöse erzielen. Zum Glück hatte Barney eine gute Hand, Einzelstücke von herausragender Provenienz zu ergattern, sein Ruf reichte weit über London hinaus.
Deshalb konnte sich Poppy ab und zu ein Extra leisten: Sie schlug den Kragen ihres Vivienne-Westwood-Mantels nach oben. Der Kauf des exklusiven Teils hatte die Augenbrauen ihres Mannes in die Höhe schnellen lassen, als sie kurz vor Ostern damit auftauchte. Ein Wintermantel, deshalb war er nun, im Mai, relativ günstig gewesen.
In Wahrheit passte er sehr gut zum Wetter. Kalter Nordwestwind blies die belebte Einkaufsstraße herunter, und die Sonne hatte sich seit Frühlingsanfang eher rar gemacht.
Der Wollmantel in Gingham-Karo, mit dem breiten Gürtel und Revers, stand der eher kleinen, sehr weiblich geformten Poppy ausgezeichnet. Nachdem er den Wintersales-Preis geschluckt hatte, fand ihr Mann das auch, obwohl das Stück nicht ganz seinen Geschmack traf.
„Barnabas Aloysius Dayton …“, hatte sie sein Unbehagen kommentiert, „du bist und bleibst konservativ, und ich liebe dich, so wie du bist, in deinem abgewetzten Tweed. Aber ich will mich nicht kleiden wie für eine Fuchsjagd.“
Barney, wie sie ihn in weniger kritischen Augenblicken nannte, schien das nicht so stehen lassen zu wollen, besann sich dann aber eines Besseren. Zwei Köpfe größer, schlang er seine langen Arme um sie, hob sie hoch und küsste sie auf den Mund. Nur in ihren Augen ging die Auseinandersetzung weiter: Seine blau, ihre grün, veranstalteten ein spöttisch funkelndes Duell.
In den zehn Jahren ihrer Ehe hatten sie ihre Unterschiedlichkeit immer reizvoll empfunden, nie wurde es langweilig zusammen. Sie war damals fünfundzwanzig und hatte gerade das Kunststudium am Royal College of Art abgeschlossen, als sie ihre Zuneigung für den zwölf Jahre älteren Professor der Kunstgeschichte nicht länger verbergen wollte. Überrumpelt von der wirbeligen Poppy und von seinen eigenen Gefühlen reduzierte er kurz darauf seine Professur auf einen kleinen Lehrauftrag. Sie heirateten und übernahmen das traditionsreiche Geschäft in Marylebone von Peter Bromley, einem alten Freund von Barney. Die Erbschaft ihrer Eltern, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, gab Poppy die Mittel dazu.
In dem Laden konnten beide ihre Arbeitsfelder kombinieren: Er das Buchgeschäft und sie die Galerie mit den fein ziselierten Zeichnungen, Skulpturen und Installationen, die ihre künstlerische Arbeit charakterisierten.
Trotzdem kamen sie finanziell immer wieder an ihre Grenzen, und deshalb nahm Poppy gerne die lukrativen Unterrichtsstunden an. Nicht alle ihre Schüler waren talentiert, und Poppy hielt mit dieser Einschätzung nicht hinter dem Berg, was den Kundenkreis gleich wieder einschränkte. Aber die Guten h