Matrosenleben Seefahrt in der Vor-Container-Zeit
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Erwin Przybysz
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Matrosenleben Seefahrt in der Vor-Container-Zeit
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Kadera-Verlag
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9783948218386
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1
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CHF 6.10
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Romanhafte Biographien
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German
Dass Erwin Przybysz Seemann werden wollte, stand fest, als er fünfjährig das Passagierschiff »St. Louis« im Hamburger Hafen bestaunte. Es folgten Kriegsjahre, ein langer Fußmarsch von Passau aus der Kinderlandverschickung zurück in die vaterlose Familie. Hamstertouren. Schließlich Anheuerung auf einem qualmenden »Schlickrutscher« - doch das war erst der Anfang. »Seemannsgarn muss ich nicht spinnen«, sagt der heute 88-Jährige. »Es ist viel Unglaubliches passiert. Und manchmal gehörte dabei die Schwindelei zum Überleben.« - Ein illegales Jahr in Chicago - Fluchthelfer für Legionäre - Freundinnen als blinde Passagiere - Abschiebehaft in New York - Tango-Mädchen: Schiff verpasst! - Weihnachten mit Albert Schweitzer - Grausamer Vater Rhein und noch viel mehr ... schließlich Hafenmatrose auf der Baggerschute. Eine gelebte Schifffahrts-Epoche, wie sie heute nicht mehr denkbar ist.
Einstimmung Um es gleich am Anfang zu sagen: Wer wie ich bald neun Jahrzehnte gelebt hat und als Seemann rund um die Welt unterwegs war, der muss kein Seemannsgarn spinnen. Da gibt es genug wahre Geschichten, auf die ich während sie passierten gern verzichtet hätte. Aber nachher lässt sich das ja gut erzählen - und manchmal ist es sogar zum Lachen. So hat vielleicht auch meine Mutter gedacht, als sie mich am 5. August 1933 in Hamburg auf die Welt brachte. Es war ein Samstag und ab dem Tag war für sie auch der Sonntag ein Arbeitstag. Mein Erzeuger hatte sich gleich nach meiner Geburt aus dem Staub gemacht. Meine Mutter war die Älteste von sechzehn Geschwistern. Sie war es gewohnt, mit schwierigen Lebenslagen umzugehen. Als ich zwei Jahre alt war, zogen wir von Hamburg nach Kiel, dort hatte sie Arbeit gefunden und wir hatten genug zu essen. Auch die Ratten, mit denen wir unsere Barackenwohnung teilten, wurden fett und groß wie Kaninchen. Als ich fünf Jahre alt war, heiratete Mutter ihren Freund Hermann. Er kam aus Posen, adoptierte mich - und fortan hieß ich Erwin Przybysz. »Priwisch«, hatte er mir die Aussprache beigebracht. »Du heißt jetzt Erwin Priwisch.« Dann hat er es mit großen Buchstaben aufgeschrieben - ERWIN PRZYBYSZ - und mir den Zettel in die Hosentasche geschoben und gesagt: »Damit du uns nicht verloren gehst und wenn dich mal jemand nach dem Namen fragt.« Das war selten, den meisten genügte es, dass ich Erwin war. Und ich ging auch nicht verloren, denn ich hatte einen guten Orientierungssinn, weil ich jeden Tag schon früh den drei Kilometer langen Weg zu meiner Großmutter gehen musste, wenn Mutter zur Arbeit ging. Zweimal hattesie mir den Weg gezeigt, der eine lange Strecke durch einen Wald verlief, in dem ich manches Mal hinter Hasen oder Rehen herlief und dann den Weg wiederfinden musste.