: Lutz Flörke
: Nebelmeer #7
: duotincta
: 9783946086697
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 268
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wir wollen den Misserfolg! Das war die Losung seiner Jugend. Inzwischen ist HP Aufseher in der Hamburger Kunsthalle und bewacht Caspar David Friedrich. Als sein Jugendfreund Maximilian vermisst wird, macht sich HP auf die Suche und entdeckt: Der klaut mir meine Lebensgeschichte, um seine Biographie zu schreiben! Ein entführtes Kunstwerk, ein toter Ehemann, ein Zwischenfall mit fiesem Hund und eine Buchmesse, auf der zu viel gelacht wird, stören HPs Suche; ebenso eine Anhalterin, die erklärt: Der Umweg ist das Ziel, Baby! Lutz Flörkes zweiter Roman gleicht einem Roadmovie - eine ebenso groteske wie erheiternde Irrfahrt durch die Erinnerung, den Stoff, aus dem die Träume sind.

Lutz Flörke studierte deutsche Literaturwissenschaft und promovierte zum Dr. phil. Seitdem arbeitet er als Autor, Performer und Dozent überall, wo er mit seinen Vorstellungen von Literatur Geld verdienen kann. Er lebt in Hamburg und erhielt Förderpreise des Landes Niedersachsen und der Stadt Hamburg.

1 | Abends in der Kunsthalle



Anfangen. Ich liebe Anfänge, nur Anfänge. – Am Anfang ist alles frisch und einzigartig. Anfänge mit mir als Hauptperson. Mein Leben besteht aus Anfängen.

Wir wollen den Misserfolg! Das war einmal ein Anfang. Eben muss ich daran denken. Ruhig drehe ich meine Runde durch die Deutsche Romantik, Runge, Friedrich, Overbeck. Ich denke über Anfänge nach, ruft da plötzlich Dorothée:

– Wir haben einen Notfall!

Das ist doch sonst nicht ihre Art, mich bei der Arbeit zu überfallen.

Sie steht vor demWanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich, Öl auf Leinwand, um 1817. Der Wanderer auf dem felsigen Gipfel wendet ihr den Rücken zu. Dorothée könnte sich über seine Schulter hinweg ebenfalls im Anblick des Nebelmeers verlieren, aber sie ruft:

– Wir haben einen Notfall!

– Ich bin Melancholiker.

– Papperlapapp!

Melancholie wehrt sich gegen alle selbstgestellten …

– Papperlapapp!

– Ich habe mich in die Kunsthalle zurückgezogen aus Gründen der Melancholie …

Sie unterbricht:

– Meinst du nicht, dass das einfach in deinem Charakter begründet liegt?

– Lediglich insofern, als Charakter die individuell gebrochene Spiegelung gesellschaftlicher Zustände meint, entgegne ich.

Darauf sie:

– Das ist doch depressiv!

Darauf wieder ich:

– Ich habe mich in die Hamburger Kunsthalle zurückgezogen, um michgegen alle selbstgestellten ebenso wie medial propagierten Forderungen nach einem frohgemuten Sich-Einlassen auf den Abbau eigener Glücks- und Reflexionsmöglichkeiten zu wehren.

Darauf wieder sie:

– Papperlapapp.

Dieses Gespräch hat keinen Sinn. Es hat keinen Sinn, ihr zu erklären, weshalb ich nicht Karriere gemacht habe, dennoch nicht gescheitert bin und mir nichts wünsche, als zu sein, was ich bin, Bodyguard für Caspar David Friedrich. Obwohl mir manchmal Zweifel kommen. Aufseher schauen stumm, sie gehen im Kreis herum, Bilder betteln still um Gunst, ist das noch Kunst?

Sie läuft mir nach:

– Es handelt sich um einen Notfall. Ich brauche deine Hilfe.

Vielleicht sollte ich anders beginnen. Ohne Dorothée. Stürzt da plötzlich eine wildfremde Frau in Gummistiefeln herein. Stolpert auf mich zu un