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Ein Draht
»So kommen Sie da nicht raus, Inspector«, sagt eine Frauenstimme an seinem Ohr.
Jon klammert sich an den Arm von Doktor Aguado, die ihm hilft, sich wieder aufzurichten. Ihn graust vor den Händen der Pathologin, aber wenn du mit dem Hintern im sandigen Flussbett steckst, klammerst du dich an alles, was dir zur Verfügung steht.
»Ich dachte immer, Leichen treiben an der Oberfläche. Aber diese scheint unbedingt untergehen zu wollen.«
Aguado lächelt. Sie ist um die vierzig, hat lange Wimpern, dezentes Make-up, Nasenpiercing und einen schelmischen Langmut im Blick. Jetzt einen Anflug von Fröhlichkeit. Böse Zungen behaupten, sie hätte eine Freundin.
»Der menschliche Körper besteht zu gut siebzig Prozent aus Wasser. Da Wasser nicht treibt, geht er erst mal unter. Bei bestimmten Wassertemperaturen lassen Bakterien den Körper in wenigen Stunden verwesen. Wir haben vier Grad und das Wasser ungefähr sechs, also … eher in Tagen. Magen und Eingeweide füllen sich mit Gasen und plopp, schwappt er wieder an die Oberfläche.«
Aguado kniet sich nieder, ergreift mit einer Hand die Leiche und tastet mit der anderen die Unterseite ab.
»Soll ich Ihnen helfen, Frau Doktor?«
»Nicht nötig. Ich will nur herausfinden, woran sie festhängt.«
Jon wirft einen Blick auf die aufgeschwemmte, formlose Masse. Sie treibt nackt mit dem Kopf nach unten im Wasser. Das Haar ist sehr kurz und von einer undefinierbaren Farbe. Jon fragt sich, woher zum Teufel sie weiß, dass es sich um eine Frau handelt.
»Woher zum Teufel wissen Sie, dass es eine Frau ist?«
»Aus mehreren Gründen, Inspector«, erwidert Aguado. »Wegen des Schlüsselbeinwinkels, wegen der fehlenden Ausbuchtung des Hinterkopfs und weil ich gerade, auch wenn Sie das nicht sehen können, mit ziemlicher Sicherheit die linke Brust des Opfers in der Hand habe.«
Die Pathologin richtet sich auf und reicht ihm die Taschenlampe. Eine kleine, aber starke. Jon leuchtet ihr, während Aguado eine Schere aus ihrer wasserdichten Tasche holt, die sie um den Hals hängen hat. Sie beugt sich vor und hantiert unter der Leiche. Die löst sich endlich und steigt an die Oberfläche.
»Der Mörder hat ihr einen Draht um den Oberschenkel gebunden«, sagt Aguado und zeigt dabei auf eine schmale Druckstelle am Bein. »Bestimmt mit einem Gewicht daran. Helfen Sie mir, sie umzudrehen.«
Im Wasser hat der Körper kein Gewicht. Ihn umzudrehen ist, als würde man eine Seite umschlagen, die letzte Seite. Augen gibt es keine mehr, die wurden von den Fischen gefressen. Das Gesicht wirkt wie eine Maske, doch anstelle des Karnevals erwartete diese Frau ein fatales Schicksal.
Bevor er nach Madrid kam – als er noch durch Bilbaos üble Stra