1 Wie Bauern die Welt veränderten
An dem Tag, als der schwedische Schweinebauer Gustaf Söderfeldt alle seine Tiere verkaufte, wirkte das Weideland um sein Gehöft irgendwie weitläufiger. Es war so merkwürdig ruhig. Die Ställe waren leer, der Himmel lastete schwer auf seinen Schultern, und er lief ziemlich verstört von seinen Ställen zum Weideland und wieder zurück. Einmal angekommen kam es ihm jedes Mal so vor, als hätte er vergessen, weshalb er überhaupt hier war. Doch das hatte er nicht: Es gab für ihn schlichtweg nichts zu tun. Er hatte noch keinen klaren Gedanken im Kopf, er war noch nicht in der Lage, sich auszumalen, wie seine zukünftigen Arbeitstage wohl aussehen würden.
Das war im Jahr 2017, Söderfeldt hatte zwei kleine Kinder und nur wenig Erspartes. Er machte sich Sorgen um die Zukunft und konnte sich nur vage vorstellen, wie er von jetzt an den Unterhalt für seine Familie verdienen sollte. Doch trotz all der Unsicherheit und Zweifel fühlte er sich dennoch total erleichtert. »Ich hätte heulen können, vor Freude, meine ich. Dass ich nie wieder Schweine töten würde. Dass ich das nie mehr tun musste.«
Es war allerdings auch nicht so, als hätte er wirklich eine Wahl gehabt. Erkonnte es einfach nicht mehr: Die Besucher auf seinem Bio-Schweinebauernhof herumführen und ihnen etwas über seine »für das Tier artgerechte« Haltung erzählen. Ihnen die große Weide vorführen, auf der sich seine Schweine suhlten und herumwühlten. Das Lob der Kundschaft in seinem Laden annehmen, weil er so gut für seine Tiere sorgte, und dass man das ganz deutlich herausschmecken könne. »Mein Leben war eine Lüge. Ich belog die Kunden, und ich belog mich selbst. Ich sagte das, was ich sagen musste, um meine Produkte zu verkaufen, und damit ich mich auch weiterhin selbst gut fühlte. Aber ich wusste tief in mir, was da passierte, wenn ich meine Tiere zum Schlachter brachte, und das hatte nichts mehr mit Tierwohl gemein.«
Während Gustaf seine Geschichte erzählt, sitzt er in einem Lehnstuhl, der in einer Ecke seines Gemüsegewächshauses steht. Ein paarmal rückt er unbehaglich vor und zurück, bevor er weiterspricht. »Das erste Mal, als ich im Schlachthof dabei half, ein Schwein zu töten, fühlte ich mich stolz. Stark.« Es ist einige Sekunden still, als ob er darüber zweifelt, ob er den nächsten Satz aussprechen soll. Sein Mund öffnet sich und schließt sich wieder. Und dann überwindet er sich doch. »Es gab mir ein Gefühl von Macht.«
Schämt er sich dafür, wenn er jetzt so darauf zurückblickt? »Ja und nein. Ja, ich finde es ekelhaft, was ich mit meinen Schweinen gemacht habe. Und ich finde die Vorstellung davon, dass ich daraus auch noch etwas wie eine Art Befriedigung zog, ebenfalls widerlich. Ich bin eigentlich ein sanftmütiger Mensch – diese Seite kannte ich gar nicht von mir. Will ich vielleicht auch gar nicht kennen. Aber Schämen trifft es nicht genau, denn du musst verstehen, dass ich in den ersten Jahren als Schweinebauer aufrichtig glaubte, dass es in moralischer Hinsichtgut war, was ich da tat. Ich glaubte daran, weil ich mein Tun mit der Art und Weise verglich, wie es in der intensiv betriebenen Viehwirtschaft zugeht. Aus meiner Sicht beteiligten sich daran dieschlechten Bauern. Schlecht für die Tiere, schlecht für die Gesundheit der Menschen durch das kontaminierte Fleisch, das sie herstellten, schlecht für die Umwelt; und ich war in allem das Gegenteil. Ich war der Kleinbauer, derjenige mit dem Label ›artgerechte Haltung und Schlachtung‹ für sein Fleisch, dergood guy. Wie hätte ich mich also anders als gut fühlen können im Angesicht der Entscheidung, die ich getroffen hatte?«
Bevor er Schweinebauer wurde, war Gustaf Söderfeldt ein Städter. Er und seine Freundin Caroline entschlossen sich mit Ende zwanzig, aufs Land zu ziehen – sie suchten die Ruhe, wollten sich mehr in der Natur bewegen, draußen mit ihren Händen arbeiten. Bauer zu werden war am naheliegendsten, um im ländlich