Kapitel 2
Den Schulhof hatte sie schon längst verlassen und sich auf den Heimweg gemacht. Mit einem eigenen Taschentuch aus den Tiefen ihres Zeltkleides wischte sie sich notdürftig ab. Die Haare verklebt, das Kleid total hin. Als sie die weiß-braune Masse genauer in Augenschein nahm, stellte sie fest, dass man sie mit Mohrenköpfen beworfen hatte. Arschlöcher!
Als sie durch die Straßen des Dorfes nach Hause ging, glaubte sie die Blicke der Leute auf ihrer Haut zu spüren. Da konnten sich die Klatschmäuler ja mal wieder bestätigt fühlen. He Leute! Aufgepasst! Da geht ne‘ Schlampe aus der Lumpensiedlung! Haben wir’s nicht schon immer gesagt? Aus dem Viertel kann nichts Gutes kommen!
In den Augen der Dorfhonoratioren gehörten sie und ihre Mutter zum Pack.
Wenn ihre Mutter getrunken hatte, machte sie Alexandra dafür verantwortlich.
»Du bist schuld an der ganzen Misere. Du bist schuld, dass sie mit Fingern auf uns zeigen.
Wenn du nicht immer so viel gequakt hättest, wäre dein Vater nicht abgehauen. Was bist du denn? Eine fette Schlampe ist aus dir geworden. Ich hätte dich ertränken sollen!«
Alexandra sah noch die Schnapsflasche in der Hand ihrer Mutter, hörte die lallende Stimme …
Heftig zwinkerte sie mit den Augen um die Bilder, die in ihrem Innern entstanden, zu vertreiben.
Plötzlich fand sie sich mitten in der „Lumpensiedlung“ wieder. Sie stand dort auf dem Bürgersteig, neben den kurz geschorenen, verbrannten Rasenflächen und ballte die Fäuste so fest, dass ihre Knöchel weiß hervorstachen. Sie sah die ordentlich aufgestellten Blumenkübel, mit den ewig gleichen Geranien, die Büsche gestutzt und in Reih und Glied gesetzt, zum Appell herangezogen. Sie ignorierte die herumtobenden Kinder, deren Spiele so mancher Blume das Leben kostete.
Sie sah die jungen Mütter und Väter mit dem alten Gesicht, wie sie hilflos und gleichgültig, einen Kinderwagen schaukelten. Manche Bier trinkend, viele arbeitslos, hoffnungslos. Niemand hier achtete auf eine zitternde, scheinbar durchgedrehte junge Frau mit Übergewicht.
Sie stand da mit ihrem verschmutzten Kleid zwischen, Hundehäufchen und Zigarettenschachteln und wusste, sie konnte es nicht mehr länger ertragen.
Sie würde nicht nach Hause gehen. Zwar war Alexandra noch nicht klar, wohin sie gehen würde, aber sicher nicht in ihre Zweizimmerbude. Vielleicht sollte sie wieder zur Bücherei gehen, sich einen dicken Liebesroman leihen und sich dann bis zum Abend im angrenzenden Park verkriechen. Dann konnte man weitersehen. Einen Büchereiausweis trug sie immer bei sich. Morgen war Samstag! Es würde keinem auffallen, wenn sie den ganzen Tag nicht nach Hause kam. Ihrer Mutter schon gar nicht.
Alexandra, begeistert von ihrer Idee, drehte um und schlug den Weg zur Bücherei ein, da dachte sie wieder an ihr Kleid und ihre verklebten Haare.
Die würden sie wirklich für eine Schlampe halten. Am besten sie ging erst mal zum Schwimmbad duschen. Mit Handtuch und Seife, die sie an der Rezeption kaufte, verzog sie sich in den Duschraum. Sie besaß keinen Badeanzug. Dass die anderen Frauen sie dumm anguckten, weil sie in ihrem dreckigen Sommerkleid hereinkam, störte sie nicht.
Sie suchte sich eine Kabine entkleidete sich und wusch es dort aus. Das Kleid triefte vor Nässe. Es würde mit der Zeit an der Sonne trocknen. Wer interessierte sich schon für sie? Als sie das Schwimmbad verließ, war es fünf Uhr nachmittags und immer noch sehr warm. Irgendwie fühlte sie sich jetzt großartig. Es war einer der kostbaren Momente, in denen sie vergaß, dass sie ein fettes Monstrum zu sein hatte, dass sich ihr Leben zwischen ihrer saufenden Mutter und den üblen Scherzen ihrer Klassenkameraden abspielte.
Sie betrat die Bücherei und durchforstete die Abteilung mit den Abenteuer- und Liebesromanen, in ihrem Kopf blitzte dabei die Hoffnung auf, e