: Helen Cullen
: Der Riss, durch den das Licht eindringt Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641265748
: 1
: CHF 6.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Ein bewegender, eindringlicher Roman von einer der großartigsten neuen Stimmen Irlands.« John Boyne

Ein anrührender, vier Jahrzehnte umspannender Familienroman vor der Kulisse einer irischen Insel.

Auf einer irischen Insel bereitet sich die Familie Moone auf gemeinsame Feiertage vor. Keiner ahnt, dass ihre Mutter Maeve im Sturm aufs Meer gerudert ist, um nicht zurückzukehren. Zehn Jahre sind seither vergangen, doch die Moones haben den Verlust nie verwunden. Ihr Vater Murtagh arbeitet noch immer als Töpfer auf Inis Óg, während die vier Geschwister damit ringen, Frieden mit der Vergangenheit und Maeves Tod zu schließen. Dazu müssen sie die Geschichte enthüllen, die sich hinter der großen Liebe ihrer Eltern verbarg. Gleichzeitig fließt mit den Jahren neue Liebe in die Risse der zerbrochenen Familie. Aus den Scherben erwächst schließlich für Murtagh ein unerwartetes Glück, das nur Maeve einst erahnt hatte.

Helen Cullen ist in Irland geboren, hat Theaterwissenschaften und Englische Literaturwissenschaft studiert und lebt mittlerweile in London. Allerdings kehrt sie zum Schreiben immer wieder in ihre Heimat zurück. Ihr Debütroman »Die verlorenen Briefe des William Woolf« wurde von Lesern wie Presse gefeiert, und die Irish Times zählt die Autorin zu den aufregendsten jungen Stimmen des Landes.

Inis Óg: 2005


Es war Heiligabend.

Murtagh trug seine braunen, alten Lammfellpuschen.

Hin und her schlurfte er über die abgewetzten Dielen im dunklen Hausflur der ­Moones.

Er strich die störrischen blonden Strähnen aus seiner Stirn. Dann rieb er seine pochenden Schläfen. Die regennasse Strickjacke zog er so fest um sich, dass der kleine Rotkehlchen-Anstecker am Revers kopfstand.

In der Stille klang das Ticken seiner Armbanduhr noch lauter. Ihr Mondgesicht fing den Lichtschein der Straßenlaterne draußen vor dem Fenster ein und warf ihn an die Wand.

Die Tür zum Wohnzimmer blieb fest verschlossen.

Weihnachten wartete direkt dahinter.

Die Zweige des krummen Tannenbaums, den er vor einer Woche übers Feld der Gallaghers nach Hause geschleift hatte, bogen sich unter jahrzehntealten Lamettagirlanden, welche die Kinder, so gut es ging, mit rotem Faden geflickt hatten. Nichts davon wurde jemals weggeworfen, so zerfleddert es auch sein mochte. Jedes Jahr, wenn die ­­Moones sich daranmachten, ihr Cottage weihnachtlich zu schmücken, waren alle Kinder eifersüchtig darauf bedacht, die eigenen Kreationen zu retten. Feierlich entrollte ihre Mutter die Werke aus dem zerfransten weißen Seidenpapier, in dem sie die restlichen achtundvierzig Wochen des Jahres verbrachten. Stück für Stück wurde der Baum geschmückt.

Uneingeschränkte Herrscherin über diese Festivität – wie auch über alle anderen – war Murtaghs Frau.

Seine Queen Maeve.

Keines der Kinder sträubte sich gegen diese Tradition. Ihre Mutter hatte sie ihnen von klein auf eingeprägt.

Eine Prägung, die ihnen ein Leben lang bleiben würde.

Wie liebte er sie für ihre Gabe, sich die kindliche Begeisterung zu erhalten, sich nie für etwas zu schämen, das ihr mal am Herzen gelegen hatte. »Ihr müsst nichts und niemanden je verlieren«, sagte sie ihren Kindern oft. »Wenn ihr nur euren Blick darauf ändert.«

Und doch hatte er sie verloren.

Obwohl er immer für sie da war.

Obwohl er immer auf sich achtgab.

Murtagh war an diesem Morgen einmal mehr in einem halb leeren Bett aufgewacht. Die Decke auf Maeves Seite war kühl und glatt. Er hatte geglaubt, er würde sie am Küchentisch vorfinden, in ihren Hahnentrittschal gewickelt, blass und schmal im Dunkel vor der Dämmerung, eine Strähne von blauschwarzem Haar vor ihrer hohen Stirn, wie ein nasser Krähenflügel, die langen Locken im Nacken mit einem ihrer roten Bleistifte festgesteckt. Er hatte sich schon vorgestellt, wie sie erschrecken würde, wenn er plötzlich in der Tür stand. Wie er – wie immer – über den Moment hinwegsehen würde, den es dauerte, bis sich ihre taubengrauen Augen wieder der Außenwelt zuwandten. Bis ihre Dämonen sie ihm überließen. Der Wasserkessel würde auf dem Herd zischen und speien, während er hinter ihrem Korbstuhl stünde und Wärme in ihre Arme riebe, wenn er sie freundlich dafür tadelte, dass sie nicht genug schlief, und tat, als wüsste er nicht, woran es lag.

Doch Maeve saß nicht am Küchentisch.

Und sie saß auch nicht grübelnd auf der steinernen