: Jo Graham
: Die Göttin von Ägypten Historischer Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641267261
: 1
: CHF 2.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 752
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Alexandria 69 v. Chr.: Unter der Pharaonin Kleopatra ist Ägypten zur letzten hellenistischen Bastion gegen Rom geworden. Doch gegen die neue Weltmacht kann sich Kleopatra nicht durchsetzen. Daher gewinnt sie die mächtigsten Römer ihrer Zeit zu ihren Geliebten: Gaius Iulius Caesar und nach dessen Ermordung Marcus Antonius. Als Letzterer jedoch schnell an Macht verliert, steht die Pharaonin unter großem Druck. Das Schicksal Ägyptens lastet nun auf den Schultern Charmians, ihrer Halbschwester und Dienerin. Nur sie kann das Land dank ihres orakelhaften Wissens und ihrer Vorahnungen vor der Zerstörung retten. Doch schon bald wird Charmian in einen tödlichen Kampf verwickelt, der die kommende Welt – aber auch ihre Familie und ihre große Liebe – prägen wird.

Jo Graham hat mehrere Jahre in der Politik gearbeitet, bis sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie lebt mit ihrer Familie in Maryland.

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Eine Stadt am Meer


Meine Mutter war eine thrakische Sklavin, die bei meiner Geburt starb, daher erinnere ich mich nicht an sie. Zweifellos wäre ich ebenfalls gestorben, wie es ungewollten Kindern eben ergeht, wäre Iras’ Mutter nicht eingeschritten. Asetnefer stammte aus Elephantine, wo der Nil bei den großen Schluchten aus Nubien heraus- und nach Ägypten hineinströmt. Ihre eigene Tochter war fünf Monate alt, und sie legte mich an ihre Brust, ein blasser Winzling von einem Neugeborenen neben meiner Ziehschwester. Sie war bei der Geburt dabei gewesen, und es traf sie sehr, als meine Mutter starb.

Ich weiß nicht, ob sie richtig befreundet waren. Später hörte ich Gerede, dass der Pharao sie oft zusammen zu sich gerufen hatte, weil ihm der Kontrast zwischen ihnen gefiel; die Schönheit des goldenen Haares meiner Mutter im Gegensatz zu Asetnefers ebenholzschwarzer Haut. Vielleicht stimmte es, und vielleicht auch nicht. Nicht jede Geschichte, die bei Hofe erzählt wird, ist wahr.

Was immer sie auch für Gründe gehabt hatte, Asetnefer stillte mich, als wäre ich ihr zweites eigenes Kind, und sie ist die Mutter, an die ich mich erinnere, und Iras meine Zwillingsschwester. Einige Jahre vor Iras hatte sie einen Sohn geboren, doch er war mit drei Jahren ertrunken, bevor meine Schwester und ich zur Welt kamen. Diese Tragödie prägte unser junges Leben mehr als alles andere, glaube ich, obgleich wir nicht um ihn trauerten, da wir ihn ja nicht gekannt hatten. Asetnefer gab sehr auf uns acht. Wir sollten nicht außer Sichtweite anderer Leute spielen, wir sollten uns nicht von ihr entfernen, während sie arbeitete. Sie trug uns beide, jede in einer Stoffschlinge, eine auf jeder Hüfte, Iras links und mich rechts, bis wir zu schwer wurden und wie große Kinder auf unseren eigenen Füßen laufen mussten. Asetnefer war frei geboren, und ohne Zweifel gab es eine Geschichte dazu, wie es gekommen war, dass sie eine Sklavin in Alexandria am Meer war, doch ich in meiner Unschuld fragte nie danach.

Und so ist dies das Erste, woran ich mich erinnere: die Höfe des großen Palasts von Alexandria, die Sklavenunterkünfte und die Küchen, der Hafen und der Markt und der Hof der Vögel, wo ich zur Welt gekommen war. Im Palast, wie an allen zivilisierten Orten, war Koine die Sprache der Wahl – jene Form des Griechischen, in der sich gebildete Menschen von einem Ende der Welt bis zum anderen miteinander unterhalten – , in den Sklavenunterkünften jedoch wurde Ägyptisch gesprochen. Meine Augen hatten die Farbe von Lapislazuli, und mein Haar mochte in der Sonne wie Bronze leuchten, doch das Amulett, das ich um den Hals trug, war n