Prolog
Bianca sah sich ängstlich um. »Chris? Wo bist du?«
Es knackte und raschelte im Unterholz. Vom nahen Seeufer wehte ein kalter Wind, der sie frösteln ließ. Eben noch war er direkt hinter ihr gewesen, nun sah es so aus, als ob Bäume und Gebüsch einen dunklen Wall bildeten, der niemanden mehr durchließ.
»Chris!«
Sie hätten nicht herkommen dürfen.
Das Haus wollte das nicht. Es wirkte abweisend mit seinen vernagelten Fensterhöhlen, dem blatternarbigen Putz und den Löchern im Dach. Obwohl immer noch etwas Stolzes, Majestätisches von ihm ausging, wie es da auf seiner Anhöhe stand. In der Umarmung des Waldes, den lange niemand mehr im Zaum gehalten hatte und der näher und näher herankroch.
Alt war es, sehr alt. Mit einer Terrasse zum See, die vom Unkraut überwuchert war, der geschwungenen Steintreppe und dem Paradebalkon, wie gemacht dazu, in früheren Zeiten den an- und abreisenden Gästen huldvoll zuzuwinken. Eine schlafende Schönheit, die das Alter und den Verfall wegträumte und nicht mitbekam, dass es an allen Ecken und Enden bröckelte. Sie liebte es, und sie fürchtete es.
Das Brechen der trockenen Sommerzweige ließ Bianca zusammenfahren. Ein Schatten löste sich vom dunklen Dickicht, und sie atmete auf.
»Chris! Du darfst mich nicht so erschrecken!«
Der junge Mann ging auf sie zu, nahm sie in die Arme und küsste sie. Bianca fühlte, wie Nervosität und schlechtes Gewissen explosionsartig auf ihre Sehnsucht trafen. Sie durften nicht hier sein, es war verboten. Und was sie jetzt vorhatten – auch. Genau das versetzte sie in eine fiebrige Stimmung.
Erhitzt löste sie sich von ihm und trat einen Schritt zurück. Er hielt ihre Hände fest. »Tut mir leid. Ich musste pinkeln.«
Männer. Sie unterdrückte einen Seufzer.
»Es ist unheimlich hier. Schau mal.«
Sie wies auf den blassroten Mond, der nebelverhangen am Nachthimmel stand. Chris nickte und wollte sie wieder an sich ziehen. »Der Blutmond.«
»Wir sollten reingehen.«
»Reingehen?«, wiederholte Bianca bestürzt.
Er grinste. »Was denn sonst? Ist geil da drinnen.«
Sie hatte gedacht, sie würden es sich in dem halb verfallenen Bootshaus gemütlich machen. Oder auf der ungemähten Wiese unter den Bäumen am Ufer, wo nichts mehr daran erinnerte, dass alles einmal ein Park gewesen sein musste. Vom Reingehen war nie die Rede gewesen. Sie hatte eine Decke dabei, eine Flasche Wein und drei Kondome. Ihr war klar, dass es heute Nacht so weit war.
»Komm schon.«
Er zog sie mit sich, heraus aus dem Gebüsch, das noch etwas Sichtschutz geboten hatte. Sie sah si