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Orelia
Orelia lag rücklings auf der schmalen, harten Pritsche – dem einzigen Möbelstück in der winzigen Zelle. Die Schwerkraft war anders eingestellt als in der restlichen Akademie. Sie war so drückend, dass Orelia kaum den Arm heben konnte, um sich an der Nase zu kratzen, geschweige denn einen Fluchtversuch zu unternehmen. Stehen war unmöglich, und selbst das Sitzen war so mühsam, dass sie es nur ein paar Minuten am Stück schaffte. Sie glaubte zu spüren, wie viel Mühe es ihrem Herzen bereitete, Blut durch ihren schweren, unbeweglichen Körper zu pumpen.
Seit sie am Vortag von den Wachen verhaftet und aus Zafirs Büro geschleift worden war, hatte niemand mehr mit ihr gesprochen. Sie war sich nicht einmal sicher, was genau man ihr vorwarf. Hatte die Quatra-Flotte herausgefunden, dass sie ein Geist war? Oder war sie nur misstrauisch, weil Orelia ihr Wissen über das Wechselspektrum der Geister dazu genutzt hatte, gemeinsam mit ihren Staffelkameraden das Schiff zu zerstören, das zur Akademie unterwegs gewesen war? Wenn Ersteres zutraf, würden Orelias mühevolle Atemzüge ganz sicher ihre letzten sein. Die besten Geheimdienstoffiziere der Flotte würden sie foltern und verhören, vielleicht sogar Zafir persönlich. Orelia erschauderte bei der Vorstellung, dass der Mann, der ihr Herz höher hatte schlagen lassen, möglicherweise teilnahmslos beobachten würde, wie sie sich vor Schmerzen wand.
Sie schloss die Augen und zwang ihre überlastete Lunge zu ein paar tiefen Atemzügen, um gegen die Panik anzukämpfen, die sich wie Giftgas in ihr ausbreitete. Sie hatte sich ihr ganzes Leben auf diesen Einsatz vorbereitet und war trotz der immensen Gefahr erfolgreich gewesen. Sie hatte es geschafft, die Quatra-Flottenakademie zu infiltrieren, ihren streng geheimen Standort zu triangulieren und die entsprechenden Koordinaten an ihre Führungsoffizierin auf Sylvan zu übermitteln. Dank Orelia hatten die Sylvaner endlich den Angriff durchführen können, den sie jahrelang geplant hatten – einen vernichtenden Schlag gegen das Herzstück des quatranischen Militärs, die Quatra-Flottenakademie. Im entscheidenden Moment hatte Orelia jedoch kalte Füße bekommen, weil sie nicht mit ansehen konnte, wie die Sylvaner die ersten echten Freunde umbrachten, die sie je gehabt hatte. Und so hatte sie den herzzerreißenden Entschluss gefasst, die Attacke zu sabotieren. Sie hatte ihren Staffelkameraden erklärt, dass sie die Kommunikationssysteme des sylvanischen Schiffs zerstören konnten, indem sie einen gerichteten Energieimpuls mit verschiedenen Frequenzen darauf abfeuerten. Der Plan war aufgegangen, doch der Erfolg hatte einen verheerenden Preis gehabt: Alle Sylvaner auf dem Schlachtschiff waren umgekommen, und die Quatraner hatten sich argwöhnisch gefragt, woher Orelia so viel über Geistertechnologie wusste.
Die Tür glitt zischend auf, und Orelia zuckte zusammen. Ihr Kopf fühlte sich zu schwer an, um ihn zu bewegen, und so blieb sie angespannt und reglos liegen.
»Hallo, Orelia«, sagte eine vertraute tiefe Stimme. Sie schaffte es, den Kopf gerade so weit zu wenden, dass sie Zafir und Admiralin Haze im Eingang stehen sah.
»Können Sie sich bitte aufsetzen?« Zafir drückte auf seinen Link, und das Gewicht, das Orelia auf der Pritsche fixierte, verschwand. Sie bewegte vorsichtig die Finger und krümmte ein paarmal die Zehen, ehe sie sich auf die Seite rollte und sich in eine sitzende Po