: Moritz Riesewieck
: Vom Ende der Endlichkeit Unsterblichkeit im Zeitalter Künstlicher Intelligenz
: Goldmann Verlag
: 9783641290801
: 1
: CHF 6.20
:
: Gesellschaft
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wir leben in einer Welt, in der fast alles, was wir tun, Spuren hinterlässt. Kann aus den digitalen Daten, die ein Mensch im Laufe seines Lebens produziert, nach dem Tod seine Persönlichkeit ermittelt werden: sein Humor, seine Empathie, seine Art zu denken und zu fühlen? Mehr noch: Kann mithilfe Künstlicher Intelligenz die Persönlichkeit eines Verstorbenen auf einen digitalen Wiedergänger übertragen und von ihm am Leben erhalten werden, mitsamt seiner Stimme? Können wir künftig mit den Toten reden? Was wie ein Science-Fiction-Plot klingt, wird an verschieden Orten auf der Welt bereits erarbeitet: Start-ups tüfteln an einer neuen, digitalen Form von Unsterblichkeit und wecken damit große Hoffnungen bei Menschen, die ihre Partner*innen, Familienangehörige, Freunde und Freundinnen verloren haben. Die preisgekrönten Filmemacher und Autoren Moritz Riesewieck und Hans Block sind dabei, als die ersten Kunden ihren digitalen Klonen begegnen und Stimmen von Verstorbenen mit den Trauernden sprechen. Sie erzählen von herzzerreißenden, skurrilen und witzigen Begegnungen mit den neuen Un-Toten. Und sie bekommen exklusive Einblicke in die Technologien, die die digitale Wiederauferstehung möglich machen sollen. Entsteht hier eine neue, weltliche Heilserzählung - oder handelt es sich bloß um eine besonders skrupellose Geschäftsidee? Auf ihren Reisen ins digitale Jenseits entdecken die Autoren die Wiedergeburt eines uralten Menschheitskonzepts im neuen Gewand: die Renaissance der Seele. Werden unsere digitalen Seelen nach unserem physischen Tod - in der Cloud weiterleben?

Der gekürzte Neuauftritt des Hardcover-Ausgabe »Die digitale Seele« (Herbst 2020).

Moritz Riesewieck (*1985) ist Theater- und Filmregisseur und Autor. Studium der Wirtschaftswissenschaften und dann Regie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin.

0. KAPITEL
DER ANFANG VOM ENDE UNSERER ENDLICHKEIT

DIGITALE UNSTERBLICHKEIT

Es gibt ein Leben davor und eines danach. Auch für die Glück­­lichen unter uns, die keine Toten aus dem Familien- oder Freundeskreis zu beklagen haben, hat die Erfahrung der Pandemie den Blick auf unsere Vergänglichkeit entscheidend beeinflusst. Wie kein anderes Ereignis vor ihm hat Covid-19 uns vor Augen geführt, wie verletzlich unsere Körper sind und wie schnell wir selbst oder unsere Liebsten vom Tod betroffen sein können, auch dann, wenn wir das Privileg haben, von unheilbaren Krankheiten, Unfällen, Krieg oder Hungersnot verschont zu bleiben. Der Tod ist mit aller Macht ins kollektive Bewusstsein der Menschen gerückt und mithin bei vielen die Erkenntnis, wie gnadenlos schmerzhaft und überfordernd der Verlust eines geliebten Menschen sein kann, ohne eine tröstende Heilserzählung, an die man glaubt. Nicht nur konnten sich viele Menschen wegen der Schutzmaßnahmen in den Kliniken nicht von ihren sterbenden Part­ner*in­nen, Angehörigen und Freund*in­nen verabschieden, ihnen in den letzten Stunden beistehen und angemessen um sie trauern. Vielen ist erst durch diese schreckliche Erfahrung klar geworden, wie eklatant der Mangel an vor allem kollektiven Formen der Trauer ist, die uns die Religion in Form von Ritualen jahrhundertelang geboten hat. Viele Menschen haben erst in diesem Moment bemerkt, wie wenig sie sich dem erbarmungslos endgültigen Verlust gewachsen fühlen, ohne die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Der fehlende Glaube an eine religiöse Erlösungsgeschichte hat für Millionen von uns den Tod eines geliebten Menschen zu einer unerträglichen Katastrophe werden lassen. Es ist eine der ältesten Fragen der Menschheit: Was geschieht mit uns nach dem Tod? Jahrhundertelang war die Antwort auf diese Frage für die meisten Menschen im Abendland klar. Die Seelen fahren zu Gott in den Himmel auf oder schmoren in der Hölle. Doch wie aktuelle Studien zeigen, glauben immer weniger Menschen in Westeuropa an Gott und das ewige Leben im Jenseits,1 nur noch eine Minderheit betrachtet sich selbst als religiös.2 Andererseits glaubt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung: »Es gibtKEIN Leben nach dem Tod.«3 Offenbar können nur wenige Menschen ohne Aussicht auf ein Weiterleben der Seele nach dem Tod auskommen. Noch fehlt eine neue (weltliche)Heilserzählung. Noch ist es nicht gelungen, den Sinn-Verlust auszugleichen, der für Milliarden von Menschen mit der Abwendung von der Religion entstanden ist. Es klafft eine gewaltige Lücke, was auch den Technologieunternehmen nicht entgangen ist, die die Leerstelle als Chance für die nächste große Geschäfts­idee begreifen. In Aussicht stehen Milliarden potenzieller Kund*innen, die offen sind für eine neue zeitgemäße Botschaft, die sie von der Unausweichlichkeit des Todes erlöst. Im Windschatten der digitalen Revolution treten Start-ups aus der ganzen Welt in einen Wettlauf um einen gewaltigen Markt – den Markt derdigitalen Unsterblichkeit.

Seit fünfzehn Jahren kommunizieren Menschen rund um die Uhr über Social Media- und Messenger-Dienste. Wir offenbaren in WhatsApp-Konversationen all die unterschiedlichen Facetten unseres Charakters, wir übermitteln unseren Smartphones tägliche Bewusstseinsströme. Von Shenzhen in China über Iaşi in Rumänien bis nach Pasadena in denUSA arbeiten Entwickler*innen weltweit daran, aus solchen intimen Daten nicht nur die Persönlichkeit eines Menschen auszulesen, sondern die Muster unseres Verhaltens mithilfe Künstlicher Intelligenz zu imitieren. Ihr Ziel: unsere Persönlichkeiten über den Tod hinaus am Leben zu erhalten. Was wie das Skript eines Science-Fiction-Films klingt, ist längst auf dem Weg, Realität zu werden. Doch was steckt hinter solchen fragwürdigen Angeboten? Wie genau funktioniert diese Technologie? Was sind es für Personen, die alles daransetzen, digital unsterblich zu werden? Und wie ergeht es denen, die ver