I
Siobhan Clarke ging durch die leer geräumte Wohnung, die genau genommen gar nicht leer war; man hatte ihr nur das Leben ausgesaugt. Umzugskisten stapelten sich über die gesamte Länge des Flurs. Die Küchenschränke standen sperrangelweit offen, ebenso wie die Tür zum Treppenhaus. Das Schlafzimmerfenster war zum Lüften geöffnet. Ohne Möbel und den ruhelosen John Rebus selbst sah alles viel geräumiger aus. Nackte Glühbirnen baumelten von den Zimmerdecken. Einige Vorhänge waren geblieben, ebenso größtenteils der Teppichboden (am Vortag war sie bereits mit dem Staubsauger durch die Zimmer gegangen). Im Flur betrachtete sie jetzt die Kisten, wusste jeweils, was darin war, hatte jede einzelne davon eigenhändig beschriftet. Bücher, Musik, persönliche Unterlagen, Fallakten.
Fallakten: ein ganzes Zimmer voll davon – Ermittlungen, an denen John Rebus gearbeitet hatte, gelöste und ungelöste Fälle, außerdem solche, die ihn einfach so interessierten und als Rentner auf Trab hielten. Sie hörte Schritte auf der Treppe. Einer der Umzugsmänner nickte ihr lächelnd zu, hievte eine Kiste hoch und machte wieder kehrt. Sie folgte ihm, zwängte sich an seinem Kollegen vorbei.
»Fast geschafft«, sagte der zweite, blies die Wangen auf. Er schwitzte, und sie hoffte, dass ihm nichts fehlte. Schätzungsweise war er Mitte fünfzig und hatte einiges zu viel auf den Rippen. Edinburgher Wohnhäuser konnten die Hölle sein. Sie selbst hatte nichts dagegen, die zwei Stockwerke nach dem heutigen Tag nie wieder hinaufsteigen zu müssen.
Die Haustür unten war mit einem keilförmig gefalteten Stück Pappe fixiert, sodass sie offen blieb – Clarke vermutete, die Ecke einer Umzugskiste hatte dafür herhalten müssen. Der erste Helfer, mit tätowierten Armen, war auf dem Gehweg unten angelangt, bog scharf links ab, dann noch mal links und ging durch ein Tor. Hinter einem kleinen gepflasterten Bereich, der in ferner Vergangenheit einmal ein gepflegter Garten gewesen sein mochte, befand sich eine weitere weit geöffnete Tür, die in die Erdgeschosswohnung führte.
»Wohnzimmer?«, fragte er.
»Wohnzimmer«, bestätigte Siobhan Clarke.
Als sie eintraten, kehrte ihnen John Rebus den Rücken zu. Er stand vor einer Reihe brandneuer, erst am vorangegangenen Wochenende beiIKEA erstandener Bücherregale. Der Ausflug dorthin – das Aufeinanderprallen gegensätzlicher Auffassungen in der Regalabteilung – hatte die Freundschaft zwischen Rebus und Clarke stärker belastet als sämtliche Einsätze während ihrer gemeinsamen Dienstzeit beimCID. Jetzt drehte er sich um und betrachtete die Kiste mit gerunzelter Stirn.
»Noch mehr Bücher?«
»Allerdings.«
»Wo zum Teufel kommen die alle her? Haben wir nicht schon ein Dutzend Fuhren ins Antiquariat gebracht?«
»Ich weiß nicht, ob du bedacht hast, wie viel kleiner die neue Wohnung im Vergleich zur alten ist.« Clarke war in die Hocke gegangen, um sich Rebus’ Hund Brillo zu widmen.
»Die müssen ins Gästezimmer«, brummte Rebus.
»Ich hab dir ja gesagt, du sollst die alten Fallakten wegwerfen.«
»Das sind vertrauliche Unterlagen, Siobhan.«
»Einige davon sind so alt, die sind noch a