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Darauf konzentriert, nichts zu verschütten, balancierte Marie-Céleste mit beiden Händen die Schale mit warmem Wasser und stellte sie vor Jeanne auf den Toilettentisch. Dann eilte das Mädchen in die Küche, um die halbe Zitrone zu holen, die es vergessen hatte. Ihre Herrin musste lächeln, während sie Nagelschere und Feile aus dem Lederetui zog. Marie-Céleste war nicht der leuchtendste Stern am Abendhimmel, aber sie war stets gut gelaunt und beklagte sich nie. Ihr rosiges Gesicht war immer fröhlich, und ihre Schwatzhaftigkeit hatte etwas Erfrischendes. Jeanne hatte sie zu Lafortunes Nachfolgerin bestimmt, weil sie sie gerne um sich hatte. Ihre alte Freundin war ihr treu ergeben gewesen, und – was Jeanne besonders an ihr geschätzt hatte – sie hatte ihrer Herrin gegenüber nicht mit Kritik hinter dem Berg gehalten. Aber ihre strenge, freudlose Miene hatte Jeanne manchmal auch ein wenig eingeschüchtert. Wieder lächelte sie, als sie sich bewusst wurde, dass ihr das niemand glauben würde. Ihre Mitarbeiter und Freunde respektierten sie vor allem für ihre Durchsetzungskraft und ihren unbeugsamen Willen, mit dem sie während des Krieges sogar den preußischen Besatzern getrotzt hatte.
Gedankenverloren tauchte Jeanne die Fingerspitzen in das warme Wasser und ließ sie eine Weile einweichen, um die Nägel geschmeidiger zu machen. Den ganzen Tag hatte sie sich mit Henry Vasnier beraten, wie sie auf die Verleumdungen imCourrier de la Champagne reagieren sollten. Ein einfaches Dementi drucken zu lassen, das würde die Gerüchte nicht zum Schweigen bringen. Auch wenn sie nicht der Wahrheit entsprachen, würde sich der Ruch der Pleite in den Köpfen der Menschen festsetzen. Sie würden sich immer wieder daran erinnern. Es musste etwas geschehen. Das Haus Pommery brauchte eine große Geste, ein beeindruckendes Schauspiel, das dafür sorgte, dass ihre Konkurrenten an den infamen Lügen erstickten. Noch wussten sie und Henry nicht, wie sie vorgehen sollten. Solche Dinge mussten ebenso gut geplant werden wie ein Feldzug. Sie brauchten eine Idee.
Auch nachdem sich Henry verabschiedet hatte, war Jeanne nicht zur Ruhe gekommen und hatte weiter gegrübelt, bis ihr schließlich der Kopf schmerzte. Sie war zu dem Schluss gelangt, dass sie sich ablenken musste, um ihre Gedanken zu ordnen, die ansonsten festzufahren drohten. Also hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen und sich von Marie-Céleste entkleiden lassen. Im Schlafrock hatte sie sich vor ihren Toilettentisch gesetzt, um ein wenig Körperpflege zu betreiben. Nichts entspannte sie mehr. Wie schön war es, das Witwenhäubchen abzunehmen und die Nadeln aus dem eng zusammengewundenen Knoten zu ziehen. Mit einer jungmädchenhaften Bewegung schüttelte Jeanne den Kopf und fuhr mit den Fingern durch ihr dunkles Haar, das ihr weich über den Rücken fiel. Täuschte sie sich, oder fanden sich neue Silberfäden darin?
Kampflustig presste sie die Zähne aufeinander. Sie hatte ihr Imperium nicht unter so vielen Mühen und Opfern aufgebaut, der Einsamkeit der Witwenschaft, gierigen Konkurrenten und sogar der preußischen Armee getrotzt, um sich nun durch ein bösartiges Gerücht besiegen zu lassen. Was