Prolog
WARFSTEDE, 1386
Almuth reckte den Hals, doch der Bucklige war nirgends zu sehen.
Sie stand auf dem The, dem staubigen Platz vor dem Schankhaus, wo Händler in der Morgensonne Bier, Sommergemüse und Messerklingen feilboten. Sie spähte zum Steinhaus, dessen feuerrote Mauern die Reetdächer ringsum überragten. Es stank nach Fisch, Dung und Torfrauch. In jedem Marschdorf, das sie mit ihrem Vater besuchte, stank es nach Fisch, Dung und Torfrauch.
Almuth Gerts war erst vierzehn Jahre alt, doch sie hatte schon viele Missgestaltete gesehen. Sie kauerten in Kirchhöfen und finsteren Ecken – bemitleidenswerte Gestalten, die um Almosen betteln mussten, weil sie von ihren Familien fortgejagt worden waren. Wen Gott mit lahmen Gliedern, Zwergenwuchs oder Blindheit geschlagen hatte, der war kaum besser dran als ein Aussätziger und zu einem elenden Dasein in Schmutz und Einsamkeit verurteilt. Noch nie hatte Almuth von einem Verwachsenen gehört, der kostbare Kleider trug und in einer steinernen Burg wohnte.
Aber das war längst nicht alles, was man sich über den Buckligen von Warfstede erzählte. Abbe Wilken Osinga, so sagte man, sei trotz seiner Missbildungen ein reicher Mann und stehe dem Kirchspiel als Richter vor. Eine der vielen wundersamen Geschichten, die sie über die Familie Osinga gehört hatte.
All das kitzelte ihre Neugier. Sie wollte dieses ungewöhnliche Geschöpf unbedingt sehen.
»Hör auf zu träumen und hilf mir«, sagte ihr Vater.
Gert Ulfferts handelte mit Friesensalz und reiste im Sommer von Marktflecken zu Marktflecken, während Almuths Mutter zu Hause Hof und Vieh hegte. Die Familie lebte zwei Tagesmärsche entfernt in der Landsgemeinde Östringen. Eben mühte sich Gert mit einem Fass ab. Almuth half ihm, es vom Ackerschlitten zu heben. Ihr Vater war einigermaßen erfolgreich als Kaufmann, doch für einen Gehilfen reichte das Geld nicht, sodass Almuth mit anpacken musste.
Der Morgen verlief zäh. Gelegentlich verkaufte Gert etwas, aber die Kunden standen nicht gerade Schlange vor ihrem Tisch mit der Feinwaage und dem Rechenbrett. Er war nicht der Einzige, der Friesensalz anbot. Ein einheimischer Torfstecher hielt ebenfalls welches feil, und die meisten Dorfbewohner gaben ihm den Vorzug. Gert beklagte murrend sein Pech.
»Darf ich mich ein wenig umschauen?«, fragte Almuth, als sie die Langeweile nicht mehr ertrug.
Ihr Vater kniff die Augen gegen die blendende Sonne zusammen und beäugte neidvoll seinen Konkurrenten, der soeben ein ganzes Fass verkaufte und dafür einen Beutel Silber bekam. »Sieh zuerst nach dem Pferd. Und sei gegen Mittag wieder da.«
Lächelnd küsste sie ihn auf die Wange.
»Bring dich nicht wieder in Schwierigkeiten, hörst du?«, rief er ihr nach, als sie über den The eilte.
Immerzu machte er sich Sorgen um ihr Wohlergehen. Gleichwohl gewährte er ihr reichlich Freiheiten, gutmütig, wie er war, weshalb Almuth die Handelsfahrten mit ihm stets genoss.
Sie ging zum Schankhaus, wo sie am vergangenen Abend untergekommen waren, betrat den Stall und überzeugte sich davo