1.
Der Diebstahl
Ein wilder Zug aus maskierten Gestalten schob sich mit Trommeln, Fackeln und Trompeten durch die Altstadt der freien Stadt Frankfurt, um mit vereinten Kräften den Römer zu erobern. Man schrieb das Jahr 1830.
Napoleons Kriege hatten tiefe Wunden in der Seele der hessischen Handelsmetropole hinterlassen, und die Menschen konnten sich noch viel zu genau an das »Jahr ohne Sommer« erinnern. Jene schrecklichen Monate, in denen die Sonne nicht mehr scheinen wollte und schwere Unwetter und Überschwemmungen das Korn auf den Feldern hatten verfaulen lassen. Die Menschen wussten, was Unheil und Elend bedeuteten, doch in der Fastnacht, die in jenem Jahr auf den dreiundzwanzigsten Februar fiel, waren die tief verschneiten Gassen Frankfurts bis zum Bersten mit bunten Gewändern gefüllt. Das Geschrei und der Lärm der Narren waren bis weit hinauf zum Rand des Taunus zu hören, den der Winter noch immer in seinem eisigen Griff gefangen hielt.
Die Fastnacht war ein seltsames Relikt aus uralten, heidnischen Zeiten. Ein Brauch, um die bösen Geister und Dämonen zu vertreiben: üble Gesellen, die sich bevorzugt im Schutz der dunklen Jahreszeit aus ihren Löchern in der Höhe hervorwagten und bis tief in die Niederungen der Mainebene vordrangen, um die Menschen dort unten mit Unheil und Elend zu überziehen. Doch an den Fastnachtstagen gewannen die Frankfurter seit jeher die Oberhand über ihre Dämonen zurück. Überall in der Stadt wurde getanzt und gefeiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Und die Geister und Dämonen kauerten sich furchtsam in ihren finsteren Löchern zusammen und warteten ab, bis die Gefahr an ihnen vorübergezogen war.
Jedenfalls die meisten von ihnen …
An diesem verschneiten dreiundzwanzigsten Februar veranstaltete zur gleichen Zeit auch das neu gegründete Senckenberg Museum ein rauschendes Fest. Die höchsten Würdenträger der Stadt waren der Einladung zum Maskenball gefolgt, denn es hatte sich herumgesprochen, dass die einflussreiche Komtess Natalja Scheremetewna Interesse an der reichen naturwissenschaftlichen Sammlung zeigte, die das junge Museum auszeichnete. So eine seltene Gelegenheit ließ sich natürlich niemand entgehen, der in der Stadt Rang und Namen hatte und sich darüber hinaus auch noch gute Geschäfte mit dem Zarenreich versprach. Und so quollen die ehrwürdigen Räumlichkeiten im Schatten des Eschenheimer Turms beinahe über vor unzähligen Adligen, Gelehrten und Mitgliedern des gehobenen Bürgertums.
Unter all den hochgestellten Persönlichkeiten fühlte sich Milli unglaublich fehl am Platz. Die junge Frau, die erst vor wenigen Wochen aus der Provinz in die hessische Handelsmetropole gezogen war, hätte weit lieber draußen in den Gassen mit den einfachen Bürgern gefeiert. Doch als frischgebackene Mitarbeiterin im Senckenberg hatte sie keine Möglichkeit, sich vor diesem bedeutenden Anlass zu drücken. Ihre Tante Anni hatte eigens eines ihrer liebsten Kostüme für sie umgenäht. Ein entsetzlich albernes Etwas mit lindgrünen Puffärmeln und fühlerartigen Auswüchsen, in dem sich Milli vorkam wie eine grauenvolle Mixtur aus Raupe und übergroßer Socke. Ihre Tante hatte beim letztjährigen Ball der Wohltätigen Bürgerwitwen den zweiten Preis damit eingeheimst, und Milli konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer auf dem dritten Platz gelandet war.
Nun fand sie sich also derart verunstaltet inmitten dieser feinen Herrschaften wieder und musste zu allem Überfluss auch noch feststellen, dass ein Maskenball in Frankfurt eine hochoffizielle Veranstaltung darstellte, zu der sich die Damen und Herren in todschicke Gewänder nach venezianischem Vorbild h