: T. S. Orgel
: Die Schattensammlerin - Dichter und Dämonen Roman
: Heyne Verlag
: 9783641284107
: 1
: CHF 7.10
:
: Science Fiction
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Frankfurt am Main, im Jahr 1830. Während eines rauschenden Fastnachtsballs wird Millicent Wohl, eine junge und wissbegierige Frau, plötzlich Zeugin eines brutalen Raubüberfalls in einem Museum. Eine schwarze Gestalt eilt an ihr vorüber – und verschwindet im Nichts. Milli versucht den Diebstahl aufzuklären, doch niemand glaubt ihren Hinweisen. Da erhält sie Hilfe von unerwarteter Seite: der alte Goethe ist inkognito in Frankfurt, und der Dichterfürst hat ein großes Interesse an der Wiederbeschaffung des Diebesguts. Eine atemlose Jagd auf finstere Mächte und Sagengestalten beginnt …

  • Der Hörspielerfolg vom SPIEGEL-Bestseller-Autorenduo T. S. Orgel – jetzt auch als Roman
  • Frankfurt, 1830: Im Keller eines Museums verschwindet ein Schädel, und die Spur führt eine junge Frau ins finstre Herz alter Mythen und Legenden
  • Ein historischer Mystery-Krimi für alle Fans von Markus Heitz’ »Die Meisterin« und Brigitte Riebes »Die Pestmagd«


Hi ter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in fantastische Welten. Ihr erster gemeinsamer Roman »Orks vs. Zwerge« wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Seitdem haben sie mit »Die Blausteinkriege«, »Terra« und »Die Schattensammlerin« noch viele weitere Welten erkundet.

1.

Der Diebstahl


Ein wilder Zug aus maskierten Gestalten schob sich mit Trommeln, Fackeln und Trompeten durch die Altstadt der freien Stadt Frankfurt, um mit vereinten Kräften den Römer zu erobern. Man schrieb das Jahr 1830.

Napoleons Kriege hatten tiefe Wunden in der Seele der hessischen Handelsmetropole hinterlassen, und die Menschen konnten sich noch viel zu genau an das »Jahr ohne Sommer« erinnern. Jene schrecklichen Monate, in denen die Sonne nicht mehr scheinen wollte und schwere Unwetter und Überschwemmungen das Korn auf den Feldern hatten verfaulen lassen. Die Menschen wussten, was Unheil und Elend bedeuteten, doch in der Fastnacht, die in jenem Jahr auf den dreiundzwanzigsten Februar fiel, waren die tief verschneiten Gassen Frankfurts bis zum Bersten mit bunten Gewändern gefüllt. Das Geschrei und der Lärm der Narren waren bis weit hinauf zum Rand des Taunus zu hören, den der Winter noch immer in seinem eisigen Griff gefangen hielt.

Die Fastnacht war ein seltsames Relikt aus uralten, heidnischen Zeiten. Ein Brauch, um die bösen Geister und Dämonen zu vertreiben: üble Gesellen, die sich bevorzugt im Schutz der dunklen Jahreszeit aus ihren Löchern in der Höhe hervorwagten und bis tief in die Niederungen der Mainebene vordrangen, um die Menschen dort unten mit Unheil und Elend zu überziehen. Doch an den Fastnachtstagen gewannen die Frankfurter seit jeher die Oberhand über ihre Dämonen zurück. Überall in der Stadt wurde getanzt und gefeiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Und die Geister und Dämonen kauerten sich furchtsam in ihren finsteren Löchern zusammen und warteten ab, bis die Gefahr an ihnen vorübergezogen war.

Jedenfalls die meisten von ihnen …

An diesem verschneiten dreiundzwanzigsten Februar veranstaltete zur gleichen Zeit auch das neu gegründete Senckenberg Museum ein rauschendes Fest. Die höchsten Würdenträger der Stadt waren der Einladung zum Maskenball gefolgt, denn es hatte sich herumgesprochen, dass die einflussreiche Komtess Natalja Scheremetewna Interesse an der reichen naturwissenschaftlichen Sammlung zeigte, die das junge Museum auszeichnete. So eine seltene Gelegenheit ließ sich natürlich niemand entgehen, der in der Stadt Rang und Namen hatte und sich darüber hinaus auch noch gute Geschäfte mit dem Zarenreich versprach. Und so quollen die ehrwürdigen Räumlichkeiten im Schatten des Eschenheimer Turms beinahe über vor unzähligen Adligen, Gelehrten und Mitgliedern des gehobenen Bürgertums.

Unter all den hochgestellten Persönlichkeiten fühlte sich Milli unglaublich fehl am Platz. Die junge Frau, die erst vor wenigen Wochen aus der Provinz in die hessische Handelsmetropole gezogen war, hätte weit lieber draußen in den Gassen mit den einfachen Bürgern gefeiert. Doch als frischgebackene Mitarbeiterin im Senckenberg hatte sie keine Möglichkeit, sich vor diesem bedeutenden Anlass zu drücken. Ihre Tante Anni hatte eigens eines ihrer liebsten Kostüme für sie umgenäht. Ein entsetzlich albernes Etwas mit lindgrünen Puffärmeln und fühlerartigen Auswüchsen, in dem sich Milli vorkam wie eine grauenvolle Mixtur aus Raupe und übergroßer Socke. Ihre Tante hatte beim letztjährigen Ball der Wohltätigen Bürgerwitwen den zweiten Preis damit eingeheimst, und Milli konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer auf dem dritten Platz gelandet war.

Nun fand sie sich also derart verunstaltet inmitten dieser feinen Herrschaften wieder und musste zu allem Überfluss auch noch feststellen, dass ein Maskenball in Frankfurt eine hochoffizielle Veranstaltung darstellte, zu der sich die Damen und Herren in todschicke Gewänder nach venezianischem Vorbild h