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Flackerndes Licht
Wieder spürte Otto den stechenden Schmerz im Rücken, der sich sofort im ganzen Körper ausbreitete. Für einen Moment erstarrte er in der Bewegung. Zog die Luft ein und klammerte sich an seinen Besen, als ob der ihm Halt geben würde. Er versuchte sich abzulenken, blickte die Straße hinunter, wo ein Landauer von der Bismarckstraße in die Roonstraße einbog und sich jetzt dem Hotel näherte, vor dem Otto den Gehweg fegte. Das gehörte zu den Bremer Häusern. In seinen Augen die prächtigste Anlage auf der Insel. Ein Ensemble aus fünfzehn nebeneinanderliegenden Logierhäusern und einem Hotel. Die weißen zweistöckigen Gebäude mit den von Säulen flankierten Terrassen zogen sich an der Kaiserstraße entlang.
Der Landauer hielt direkt vor dem Treppenaufgang zur Eingangshalle. Der junge Hilrich sprang behände vom Kutschbock. Unter der Fuhrmannsmütze sah man seine leuchtend blonden Haare. Er öffnete die Tür des Wagens und half einer älteren Dame heraus, die einen Polarfuchs um den Hals trug.
Eine Böe fegte durch seine dünne Jacke. Otto spürte das Wetter in seinen Knochen, die ihn jeden Tag daran erinnerten, wie lange es her war, dass er wie der junge Hilrich vom Kutschbock springen konnte. Jetzt kam er dort nicht einmal mehr hinauf. Ihm fehlte die Kraft in den Armen, um sich hochzuziehen.
Die Dame schritt an Otto vorbei. Er zog seine Mütze, verbeugte sich und spürte, wie der Schmerz wieder durch seinen Rücken fuhr. Aber was sollte er machen, es gehörte sich so. Schließlich war sie eine Dame und er nur ein einfacher Dienstmann. Sie würdigte seine Bemühungen keines Blickes und ging auf die dunkle Eichentür zu, die der Portier für sie öffnete.
Früher hatte Otto davon geträumt, irgendwann einmal im vornehmen Frack auf eine Tanzréunion zu gehen und ein Fräulein im feinen Seidenkleid auszuführen. Aber die Havarie des Silberschiffs, dessen wertvolle Ladung den Inselbewohnern unverhofften Wohlstand beschert hätte, war ausgeblieben. Für ihn hatte es immer nur Arbeit gegeben. Das Bedauern darüber war vor langer Zeit verflogen. Er konnte sich nicht beschweren, er hatte ein gutes Leben gehabt. In jungen Jahren war er zur See gefahren, nach Norwegen, mit den Eisschiffen. Aber es war eine mühselige Arbeit gewesen, mit dem rauen Polarwind und der unerträglichen Enge auf dem Schiff – beschwerlich und kräftezehrend. Seine Frau hatte ihn gedrängt, die Arbeit zur See aufzugeben, und als 1873 die neu errichteten Bremer Häuser einen Dienstmann suchten, nahm er die Stelle an. Er trug das Gepäck der Gäste, ging zur Hand, wo es nötig war. Seit einigen Jahren kümmerte er sich hauptsächlich um den Garten und hielt den Gehsteig vor dem Hotel sauber. Eine gute Arbeit, auch wenn sie ihm im Alter immer schwerer fiel.
Der junge Hilrich hatte inzwischen das Gepäck abgeladen und winkte ihm. »Otto, p