Sommersiedlung am Fuß der Nachtberge, Falkfjellet, Finnmark
Mittsommer. Freitag, 24. Juni 2011
Tageslänge: 24 Stunden
Es gibt viele Arten, sich zu verabschieden. Ich hab’s immer auf meine Art gemacht.
»Linnéa? Willst du nicht aussteigen?«
Mein Vater steht vor der offenen Tür des Hubschraubers, die Arzttasche in der Hand.
»Linnéa?«
Ich schaue auf der anderen Seite zum Fenster hinaus auf eine Mondlandschaft. Er hat mich ins Nichts verschleppt. In eine Steinwüste, ein apokalyptisches Endzeitszenario, die große arktische Leere. Keine Ahnung, was ich mir unter samischen Sommerweiden vorgestellt habe – auf keinen Fall das. Gegen meinen Willen musste ich in diesen Hubschrauber und hinauf ins Gebirge der Varangerhalbinsel.
»Jusse fliegt gleich wieder zurück. Er hat seine Zeit nicht gestohlen.«
Jusse, der Pilot, checkt irgendwas mit den Schaltern. Am liebsten würde ich im Heli bleiben, dann wäre ich in einer Stunde wieder in Kirkenes in meinem Zimmer und könnte heute Nacht Mittsommer feiern. Aber ich musste ja hoch und heilig versprechen, keinen Blödsinn mehr zu machen.
»Die Leute warten auf uns. Wir hatten eine Abmachung.«
Wenn mein Vater »wir« und »uns« sagt, meint er: Ich habe was entschieden und Widerrede ist zwecklos. Er ist Tierarzt. Er hofft, dass ich mich auch eines Tages dafür interessiere, Kühen bis zum Ellenbogen Gott weiß wohin zu greifen oder niesende Kätzchen zu kurieren. Keine Ahnung, ob ich das will. Über die Zukunft mache ich mir keine Gedanken, sie kommt oder sie kommt nicht.
Etwas entfernt steht ein Quad. Auf ihm sitzt jemand in abgewetzten Trekkingklamotten, der jetzt den Helm abnimmt und abwartend den Unterarm aufs Knie legt. Er muss in meinem Alter sein, ein kräftiger Typ, der genau beobachtet, wer sich ihm da nähert.
»Hei Magnus!«
Mein Vater kennt ihn, beide begrüßen sich mit Handschlag.
»Alles in Ordnung bei euch? Das ist meine Tochter Linnéa. Sie wird mich heute begleiten.«
»Linnéa.«
Magnus ist kräftig, aber nicht vom Fitnessstudio, sondern vom Leben hier draußen. Sein Händedruck zerquetscht mirfast die Finger. Er hat ein breites, braun gebranntes Gesicht und grinst mich derart selbstvergessen an, dass ich ihn am liebsten mit einem Schnippen vor den Augen wieder aufgeweckt hätte.
»Kriege ich auch einen Helm?«, frage ich und lächle.
Wenn ich mich nicht täusche, wird er unter der Bräune rot.
»Ja. Klar. Moment.«
Er springt ab und holt den Helm vom Rücksitz. Als er ihn mir reicht, scannt er mich von oben bis unten, von meiner pelzbesetzten Kapuze bis zu meinen pinken Trekkingstiefeln.
»Danke.«
Ich setze mir das Ding auf und nehme hinter den beiden Platz. Die Fahrt dauert nicht lange, aber sie reicht, um mich ein Mal komplett durchzurütteln. Es geht runter in ein weites Tal, in der Ferne schimmert ein Fluss. Überall auf der Welt würden zur Sommersonnenwende Blumen blühen und Bäume grünen, aber nicht hier. Wir sind im Falkfjellet, dem riesigen, grauen Gebirge der Varangerhalbinsel, eintönig, staubig, kalt.
Dann erreichen wir so etwas wie ein Dorf mitten in dieser Felswüste. Holzhütten und Zelte, die ein wenig an Tipis erinnern. Es ist ziemlich viel los. Es herrscht offenbar Aufbruchstimmung – wahrscheinlich wollen alle so schnell wie möglich wieder zurück in die Zivilisation. Magnus zeigt, wie echte Samen bremsen: so abrupt, dass sich das Quad halb um die eigene Achse dreht und kleine Steine wie Geschosse durch die Luft fliegen.
»Unsere Sommersiedlung. Wir haben extra eine Hütte für euch hergerichtet.«
Er geht voran und präsentiert mir die Unterkunft. Vier Holzwände, ein Dach. Immerhin zwei Betten und ein Campingkocher. Auf dem Boden liegen Rentierfelle. Keine Ahnung, ob sie i