Mai 1887
Scriptorium. Das klingt, als wäre es ein beeindruckendes Gebäude gewesen, in dem noch die leisesten Schritte zwischen Marmorboden und vergoldeter Kuppel widerhallen. Aber es war nur ein Schuppen im rückwärtigen Garten eines Hauses in Oxford.
Doch statt Schaufel und Rechen enthielt der Gartenschuppen Wörter. Jedes Wort der englischen Sprache war auf postkartengroßen Zetteln notiert. Freiwillige Mitarbeiter aus aller Welt schickten sie ein, woraufhin sie zu Bündeln geordnet in den Hunderten von Regalfächern aufbewahrt wurden, die die Wände des Schuppens säumten. Dr. Murray war der Einzige, derscriptorium sagte – bestimmt fand er es beschämend, dass die englische Sprache in einem Gartenschuppen gelagert wurde –, alle anderen, die dort arbeiteten, nannten es einfach bloß Scrippy. Alle bis auf mich. Mir gefiel, wie es sich anfühlte, das Wortscriptorium in den Mund zu nehmen, meine Lippen sanft darum zu wölben. Ich brauchte lange, bis ich es aussprechen konnte, und als es endlich so weit war, kam nichts anderes mehr infrage.
Vater half mir einmal dabei, in den Fächern nachscriptorium zu suchen. Wir fanden fünf Belegzettel mit Beispielen für den Gebrauch des Wortes, und alle Zitate reichten kaum mehr als hundert Jahre zurück. Sie lauteten mehr oder weniger gleich, und keines bezog sich auf einen Schuppen im rückwärtigen Garten eines Hauses in Oxford. Einscriptorium, so die Belegzettel, sei eine Schreibstube in einem Kloster.
Trotzdem konnte ich verstehen, warum Dr. Murray dieses Wort ausgesucht hatte. Seine Assistenten und er waren auch ein bisschen so wie Mönche, und als ich fünf Jahre alt war, konnte ich mir leicht vorstellen, dass das Wörterbuch ihre Heilige Schrift war. Als Dr. Murray mir erklärte, dass es eine Lebensaufgabe war, all die Wörter zusammenzutragen, fragte ich mich: wessen Lebensaufgabe? Sein Haar war bereits aschgrau, und erst die Hälfte des Buchstabens B war erfasst.
* * *
Vater und Dr. Murray hatten als Lehrer in Schottland gearbeitet – lange bevor es ein Skriptorium gab. Und weil sie Freunde waren, weil ich keine Mutter hatte, die sich um mich kümmerte, weil Vater einer von Dr. Murrays bewährtesten Lexikographen war, drückten alle ein Auge zu, wenn auch ich mich im Skriptorium aufhielt.
Das Skriptorium war ein magischer Ort – ganz so, als würde alles, was es jemals gab und geben würde, an ihm aufbewahrt. Bücher türmten sich auf jeder freien Fläche. Frühere Wörterbücher, historische Texte und uralte Sagen füllten die Regale, die einen Schreibtisch vom anderen trennten oder eine Nische bildeten, in der ein Stuhl stand. Ihre Fächer reichten vom Boden bis zur Decke. Sie waren voller Zettel, und Vater meinte mal, dass ich nach ihrer Lektüre die Bedeutung von allem kennen würde.
In der Mitte stand der Sortiertisch. An einem Ende saß Vater, während an jeder Seite Platz für drei Assistenten war. Am anderen Ende befand sich Dr. Murrays Stehpult, mit Blick auf all die Wörter und Männer, die ihm halfen, sie zu definieren.
Wir waren stets vor den anderen Lexikographen da, und in dieser kurzen Zeit hatte ich Vater und die Wörter ganz für mich allein. Ich saß auf seinem Schoß am Sortiertisch und half ihm beim Ordnen der Zettel. Immer wenn wir auf ein Wort stießen, das ich nicht kannte, las er das dazugehörige Zitat vor und half mir, seine Bedeutun