: Jamie Brenner
: Unser Sommer in Cape Cod Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641247362
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit Ende 50 möchte sich die erfolgreiche Geschäftsfrau Ruth auf der malerischen Halbinsel Cape Cod zur Ruhe setzen. In dem verträumten Küstenort Provincetown mietet sie ein wunderschönes Haus direkt am Meer. Doch gleich am ersten Morgen wartet eine Überraschung auf Ruth: Jemand hat ein Baby auf ihrer Türschwelle abgelegt. Die kleine Mira bringt nicht nur Ruths Leben gehörig durcheinander, sondern stellt die ganze Kleinstadt auf den Kopf. Bis am Ende eines turbulenten Sommers nichts mehr ist, wie es war ...

Jamie Brenner entdeckte schon als Kind ihre Liebe zu Büchern. Später studierte sie Literaturwissenschaften und ging nach New York, um in der Verlagsbranche zu arbeiten. Heute ist sie selbst Autorin und kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Jamie Brenner lebt mit ihrer Familie in New York.

Kapitel eins


Sie hatte seit dreißig Jahren keinen Sommerurlaub mehr gemacht. Genau genommen konnte man eine Reise jedoch nicht als Urlaub bezeichnen, wenn man nicht die Absicht hatte, nach Hause zurückzukehren. Aber wie auch immer – sie würde nie wieder an Besprechungen teilnehmen, Termine wahrnehmen oder Pannen beheben müssen. Sie war frei.

Sie war aber auch nervös. Die Überfahrt auf der Fähre von Boston nach Cape Cod war rauer als erwartet. Eigentlich hatte sie die eineinhalb Stunden an Deck an der frischen Luft verbringen wollen, aber dann hatte sie es nur fünf Minuten ausgehalten: Die Sonne brannte, der Fahrtwind war beachtlich, und sie war es schlicht nicht gewohnt, mit dem Schiff zu reisen. Während ihrer Suche nach einem Ferienhaus für den Sommer war sie monatelang mit dem Auto zwischen Philadelphia und Provincetown gependelt. Doch jetzt, wo sie alles zusammengepackt und in die Stadt hatte transportieren oder einlagern lassen, brauchte sie das Auto nicht mehr. Sie wollte nach Cape Cod fahren, wie die Einheimischen es taten: per Schiff.

Sie hatte nur einige wenige Freunde in ihren Entschluss eingeweiht, ihre Firma und ihr Haus zu verkaufen und sich in Provincetown zur Ruhe zu setzen. »Gibt es nicht einen Strand in der Nähe?«, hatten die einen gefragt, und die anderen hatten erwidert: »Denk doch nur an die Winter!«, worauf sie gekontert hatte: »Denkt doch nur an dieSommer!« Und wieso fühlte sie sich überhaupt genötigt, sich zu rechtfertigen?

Die Fähre würde bald in Cape Cod anlegen. Ruth erkannte es daran, dass die Schlange an der Snackbar sich auflöste, Laptops zugeklappt und Gepäckstücke aus den Metallgestellen gezogen wurden. Sie warf einen Blick auf die Uhr. In weniger als einer Stunde würde sie ihr absolut perfektes Strandhaus betreten. Der Beginn ihres neuen Lebens.

Sie klappte den Roman zu, den sie gelesen hatte, und schaute aus dem Fenster des Fahrgastraums, über das sich Spritzwasserschlieren zogen. Das Pilgrim Monument, ein gut siebenundsiebzig Meter hoher Turm mitten in Provincetown, kam in Sicht. Ruth wurde fast ein bisschen schwindlig bei dem Anblick, sie war aufgeregt wie ein Teenager. Ihren Freunden konnte sie die Gefühle, die sie in Provincetown überfielen, nur schwer vermitteln. Das hatte nichts mit der geografischen Lage der Stadt oder mit dem Wetter oder mit Logik zu tun. Es war, wie wenn man sich verliebte.

Neben ihr war ein Pärchen damit beschäftigt, ein Kleinkind in seinen Buggy zu packen. Das Baby quengelte und greinte und strampelte. Die Eltern holten Rasseln und Schnuller hervor, um es zu beruhigen, aber nichts half. Ruth war ja so froh, dass dieser pflegeintensive Lebensabschnitt hinter ihr lag.

Sie blickte nach vorn und erkannte die Umrisse der kleinen Läden auf dem MacMillan Wharf und in der Ferne den Turm der Center Method