1
Ines war vierzehn, als sie ihre beste Freundin verlor. In der Zeitung stand nicht, dass Ines’ beste Freundin verschwunden war. Da stand nicht »beste Freundin«, da stand nicht einmal »Mädchen«, da stand nur »Schülerin«, denn das war damals ihre Funktion in der Gesellschaft: Sie waren Schülerinnen. »Vierzehnjährige Schülerin spurlos verschwunden.«
Das stand da.
In der letzten Stunde saß Kirsten neben Ines. Sie hatten Deutsch bei Schröder. Er quälte sie mitRilke.
Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt.
Draußen, in der richtigen Welt, war es so warm, dass sie täglich auf Hitzefrei hofften, und Kurt Cobain war schon eine ganze Weile tot, was auch immer in diesem Altereine ganze Weile bedeuten sollte.
Seit Kirsten ging und nie wiederkam, hat Ines keine beste Freundin mehr gehabt. Sicher: Sie hatte Freunde. Sie hat Freunde. Man sagt von Ines, sie sei gesellig und schlagfertig, manchmal zynisch, doch nicht verletzend, denn es geht gegen die Welt, nicht gegen Einzelne. Man sagt, Ines setze sich ein, sei zuverlässig und vernünftig, und damit ist wohl etwas Gutes gemeint.
Dennoch. Bei niemandem steht Ines oben auf der Liste. Von Geheimnissen erfährt sie erst als Zweite oder Dritte oder gar nicht. Nie wurde sie als Trauzeugin oder Patentante ausgewählt. Ines hat keinen engsten Vertrauten. Wenn ihr etwas auf der Seele brennt, wenn es Neuigkeiten zu berichten gibt, dann streut sie diese wahllos, erzählt sie fünf, sechs Menschen, die ihr nahestehen oder auch nicht, sodass sie am Ende nicht mehr sicher sagen kann, mit wem sie schon über was gesprochen hat. Sie hört sich reden, Wörter aneinanderreihen, Sätze formulieren, weiß aber nicht mehr, wer ihr gegenübersaß und zuhörte und nickte. Als würde sie das ewig gleiche Gespräch mit einer beliebig austauschbaren grauen Masse führen, deren Antworten und Ansichten ohne Belang sind. Und da es ohnehin nicht viel zu sagen gibt, wiederholt sie sich zwangsläufig, was niemanden zu stören scheint.
Da ist noch Martin. Aber mit ihm spricht sie am Ende doch nur über Marie oder über die Arbeit. Martins war mal ganz interessant. Damals, als er noch für den Kulturteil der Zeitung geschrieben hat. Doch die Zeitung gibt es nicht mehr, und seit er als Pressesprecher in einem Unternehmen für Verpackungsmaterial arbeitet, kann sie ihm kaum noch folgen. Womöglich sind Aluminium und Luftpolsterfolie spannende Themen. Womöglich gibt es da sogar Skandale, die aufgedeckt werden sollten. Doch es fällt Ines schwer, sich zu konzentrieren, wenn Wörter auf -yde, -onen oder -yne enden. Sie versteht es in dem Moment, in dem Martin davon erzählt, und hat es schon wenige Minuten später wieder vergessen. So reden sie schließlich doch über Marie und die Menschen, die sie beide kennen, und versuchen sich an das zu erinnern, was sie verbindet.
Worüber Ines nachdenkt, jedoch selten redet: In welchem Alter werden Freundschaften geschlossen, die etwas bedeuten, und wann ist es dafür zu spät? Gibt es ein Maximalalter für Freunde fürs Leben? Welches Fundament ist nötig?
Ines erinnert sich, wie es war: gemeinsam mit Kirsten im Wa